Tankstellen-Überfall: Landgericht glaubt nicht an Unbekannten und schickt Angeklagte hinter Gitter

Räuber „Igor“ war nur ein Phantom

Kassel. An Igor, den Schrecken der Tankwarte, mochte das Gericht nicht glauben. „Wir“, sagte Richter Jürgen Stanoschek, „kennen Igor – aber nur aus diesem Geisterjäger-Film.“ Der, der vor mehr als 20 Jahren in „Ghostbusters 2“ sein Unwesen als „Schrecken der Karpaten“ trieb, hieß zwar eigentlich Vigo. Und nicht Igor. Doch er war nach Ansicht des Kasseler Landgerichts kaum realer als jenes Phantom, das sich im Oktober 2009 am Überfall auf die Jet-Tankstelle in der Frankfurter Straße beteiligt haben sollte. Am Montag verurteilte die 5. Strafkammer darum nicht nur den 22-Jährigen, der die Geschichte von „Igor“, dem unbekannten Mittäter, aufgetischt hatte, sondern auch seinen angeblich völlig unschuldigen Freund zu mehrjährigen Haftstrafen. „Sie spielen da mit dem Gericht und erzählen uns eine Räuberpistole“, rügte Stanoschek. „Ihr Igor sitzt neben Ihnen auf der Anklagebank.“

Für drei Jahre und zwei Monate schickte das Gericht den geständigen 22-Jährigen hinter Gitter. Gleichzeitig ordnete es seine Unterbringung in einer Entziehungsanstalt an – der junge Mann hatte die Tat mit seiner Heroin-Abhängigkeit begründet. Sein Kumpel, der vor Gericht zu den Vorwürfen geschwiegen hatte, muss dagegen für vier Jahre ins Gefängnis.

„Sie haben gepokert“, sagte der Richter. „Das kann man machen – aber man kann eben auch verlieren beim Pokern.“ Der 23-Jährige hatte darauf gesetzt, dass das Gericht glauben würde, was der jüngere Angeklagte behauptet hatte: Dass ihn ein sehr entfernter Bekannter bei dem Überfall begleitet habe, von dem er leider nur den Vornamen „Igor“ wisse. Dass er seinen Mitangeklagten hingegen rein zufällig in der Nähe des Tatorts getroffen habe, in der Dreiviertelstunde zwischen Raub und Festnahme. Und dass es folglich rein gar nichts zu bedeuten habe, dass sich in ihrer beider Taschen und einem weggeworfenen Rucksack exakt 329,81 Euro befunden hatten – die Beute, auf den Cent genau.

„Das ist völlig unglaubhaft“, befand das Gericht angesichts der weiteren Indizien, die gegen den 23-Jährigen sprachen. Wie etwa seine DNA-Spuren an einem T-Shirt im Tatrucksack. Selbst die Verteidigung hatte da keinen Freispruch mehr gefordert, sondern nur eine mildere Gefängnisstrafe von drei Jahren.

Doch auch wenn der junge Mann jetzt für jeden einzelnen Cent der mageren Beute fast eine volle Stunde im Gefängnis büßen muss, kam er noch glimpflich davon: Denn die maskierten Räuber hatten einen Schreckschussrevolver benutzt – und sobald bei derlei Überfällen eine Waffe im Spiel ist, beträgt schon die Mindeststrafe fünf Jahre.

Zum Glück der beiden Angeklagten stufte das Gericht die Tat jedoch als minderschweren Fall ein – unter anderem, weil die Männer erwischt worden waren, ehe sie das erbeutete Geld ausgeben konnten.

Von Joachim F. Tornau

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