Ein Spaziergang mit Gründungspräsident Ernst Ulrich von Weizsäcker über den heutigen Uni-Campus

„Raketenartige Entwicklung“

Stellte vor 40 Jahren die Weichen für die Uni: Der frühere Präsident Ernst Ulrich von Weizsäcker (74) vor dem Neubau des Hörsaalzentrums auf dem Campus am Holländischen Platz. Wir trafen ihn am Rande einer Tagung der Uni Kassel, zu der er als Redner eingeladen war. Foto: Malmus

Kassel. Viele Anknüpfungspunkte an alte Zeiten bietet der Campus am Holländischen Platz Ernst Ulrich von Weizsäcker nicht. Ende der 70er-Jahre, als er Präsident der erst wenige Jahre alten Hochschule war, begann die Nutzung des ehemaligen Henschelgeländes für die Uni erst.

„Hier stand damals noch die riesige Halle K9, in der früher die Loks gebaut wurden“, erinnert sich der 74-Jährige, als er neben dem Gebäudekomplex mit der Uni-Bibliothek steht. Ihm wäre damals ein Umbau der Industriegebäude lieber gewesen als ein Neubau, sagt Weizsäcker. „Aber es ist ja auch so ganz hübsch geworden.“

Von 1975 bis 1980 war Weizsäcker der zweite Präsident der Gesamthochschule, die 1971 aus der Taufe gehoben worden war. Die Studenten - am Ende seiner Amtszeit waren es rund 7000 - lernten damals noch am AVZ in Oberzwehren, an der Kunsthochschule und in der Ingenieurschule. Heute steuert die Uni auf die Zahl von 24 000 Studenten zu, und eine riesige Baustelle auf dem ehemaligen Gottschalkgelände lässt erahnen, wie groß der Campus bald sein wird.

Hätte er sich das vor knapp 40 Jahren träumen lassen? „Ich habe schon erwartet, dass sich das glänzend weiterentwickeln wird“, sagt Weizsäcker. „Ich habe mit großer Freude gesehen, wie die Uni unter Brinckmann und Postlep dann richtig raketenartig loslegte.“

„Vieles von dem, was wir damals wollten, hat sich später als Keim einer großen Blüte erwiesen.“

Ernst Ulrich V. Weizsäcker

Seinen Alltag als Präsident prägten jedoch Widerstände. Um die Zulassung von Magisterabschlüssen in den Geisteswissenschaften. Um eine Mitgliedschaft der jungen Gesamthochschule in der Deutschen Forschungsgemeinschaft („Die neuen Ansätze in Kassel waren dieser damals steinkonservativen Organisation nicht seriös genug.“). Und um die Frage, ob Professoren Assistenten haben dürfen. „Wehe, wenn ein Prof fand, er brauchte eine Sekretärin. Das war in den Anfangsjahren sozusagen aus ideologischen Gründen verboten“, blickt der ehemalige Präsident zurück. „Das fand ich so was von daneben.“

Die Quittung für von ihm eingeführte Veränderungen bekam er 1980, als er nicht wiedergewählt wurde. „Bei den Linken in der Hochschule hatte ich verschissen“, sagt der 74-Jährige mit sichtlichem Amüsement. Seine damaligen Entscheidungen bereut Weizsäcker dennoch nicht. Unter anderen schrieb er sich den Ausbau der Ingenieurwissenschaften auf die Fahnen und richtete auch ersten deutschen Lehrstuhl für ökologische Landwirtschaft in Witzenhausen ein - auf Anregung von Studenten, wie er betont. „Die Großthematik Umwelt hatte damals in der deutschen akademischen Landschaft noch keine Heimat“, sagt Weizsäcker.

Nicht nur für Weizsäcker selbst, auch für die Uni Kassel ist die Expertise auf diesem Gebiet heute ein Markenzeichen. „Vieles von dem, was wir damals wollten, hat sich später als Keim einer großen Blüte erwiesen“, sagt der Wissenschaftler. Auch Interdisziplinarität habe ihm von Anfang an am Herzen gelegen. Insofern halte er auch den Umzug der Naturwissenschaften von Oberzwehren an den Holländischen Platz für richtig. „Das AVZ aufzugeben, sieht zwar aus wie Kapitalvernichtung. Aber für das fächerübergreifende Arbeiten ist die räumliche Trennung eine Katastrophe.“

Von Katja Rudolph

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