Warum viele Spiele ohne Polizisten nicht stattfinden könnten

Randalierer bei Fußballspielen: „Die spielen Katz und Maus“

Polizisten im Auestadion: Beim Fußballspiel der Regionalliga Südwest, KSV Hessen Kassel gegen die Kickers Offenbach, am Samstag gab es randalierende Fans. Foto: Hedler

Kassel. Axel Wagner von der Kasseler Kreisgruppe der Gewerkschaft der Polizei (GdP) war beim Fußballspiel zwischen dem KSV Hessen und den Kickers Offenbach vor Ort. Im Interview spricht er über Fußballspiele, Randalierer und Deeskalation.

Wie verläuft für die Polizei ein Tag, an dem im Auestadion ein Fußballspiel wie das gegen die Kickers Offenbach stattfindet? 

Axel Wagner: Wir sind einen ganzen Arbeitstag lang damit beschäftigt. Er beginnt lange bevor das Spiel um 14 Uhr startet. Bereits am Morgen rüsten wir uns für den Einsatz: Körperschutz, Helme. Auch die Autos werden vorbereitet. Details kann ich nicht preisgeben. Wir sprechen hier allein von Risikospielen des KSV gegen Gegner wie Offenbach oder Mannheim.

Kennen sie Angst vor Einsätzen bei Risikospielen? 

Wagner: Wir trainieren ja speziell diese Szenarien. Wir sind auf verschiedenste Eventualitäten vorbereitet und haben auch die entsprechende Erfahrung. Deshalb würde ich sagen, wir haben weder Angst noch Lampenfieber.

Dass man sich bei gewaltbereiten Menschen unwohl fühlen kann, ist menschlich.

Hilft es, wenn man um das Gefahrenpotenzial weiß?

Wagner: Ja. Wir wissen, dass von den 2500 Fans im Stadion 200 auf jeder Seite auf Stress aus sind und bereit sind sich zu prügeln. Unsere Aufgabe ist es, den friedlichen Fan vor aggressiven Fans zu schützen, aber auch die Krawallfans untereinander.

Werden Sie entsprechend geschult? 

Wagner: Es gibt regelmäßige Ausbildungstage. Aber wir sind ja keine Berufsanfänger. Deeskalation ist ohnehin unser Motto, nicht nur bei Einsätzen im Stadion.

Kommen wir zu ihren Aufgaben am Stadion zurück: 

Wagner: Bis vor einigen Jahren haben Kollegen, Polizisten einer technischen Einheit, auch noch die körperlich anstrengen Arbeit erledigt, die Absperrgitter auf- und abzubauen. Das macht jetzt zu unserer Entlastung und Zufriedenheit eine externe Firma.

Am Samstagmorgen hatte der Sicherheitsdienst schon das Stadion abgesucht und im konkreten Fall ein Depot mit pyrotechnischem Material entdeckt.

Axel Wagner Foto: Hein

Um 11.58 Uhr kamen die ersten Fans aus Offenbach am Bahnhof an. Darüber hatte uns die Bundespolizei informiert. Sie wurden mit dem Bus direkt zum Auestadion gebracht. Das hatten wir im Blick, vor allem auch vor dem Hintergrund, dass da häufig Fans mitreisen, die Stadion-Verbot haben und sich das eigentliche Fußballspiel gar nicht anschauen.

Für uns stellt sich jedes Mal die Frage: Wo könnten sich die Kasseler Fans sammeln? Das ist immer ein kleines Katz-und-Maus-Spiel. Dieses Mal war es eine Kneipe im Forstfeld nahe einer Bushaltestelle der Linie 25. Später waren 50 Leute mit dem Bus im Anmarsch. Wir sorgten dafür, dass der Bus so hielt, dass die Kasseler nicht auf die Offenbacher Fans stießen, also über die Frankfurter Straße / Menzelstraße ins Stadion gelangten.

Wie sieht es auf dem Stadion-Vorplatz aus? 

Wagner: Wir sind präsent und unterstützen den Sicherheitsdienst, der den Einlass organisiert. Ich war mit anderen Kollegen nur außerhalb des Stadions zuständig. Die meisten der insgesamt über 200 Polizisten vor Ort haben sich draußen aufgehalten, um nur bei Bedarf ins Stadion zu kommen. Es will ja niemand das Bild eines schwer bewachten Fußballfelds.

Provozierend gefragt: Muss die Polizei vor Ort sein? 

Wagner: Ja, unbedingt. Würden die gewaltbereiten Fans aufeinandertreffen, gäbe es eine Massenschlägerei. Viele Menschen sagen: Lasst sie sich doch die Köpfe einschlagen. Das widerspricht aber unserem Auftrag. Wir sind verpflichtet, Straftaten zu verhindern, einzuschreiten und Täter zu verfolgen.

Eine Alternative? 

Wagner: Kein Fußball, aber das ist ja keine Alternative. Wir haben die Aufgabe eines Schiedsrichters.

Wie sieht es mit Sozialarbeit aus? 

Wagner: Jede diesbezügliche Unterstützung ist hilfreich.

Welche ist die schwierigste Situation? 

Wagner: Natürlich die direkt vor und nach dem Spiel, nämlich dann, wenn die Fans anreisen und abreisen und die Gefahr besteht, dass gegnerische Fans aufeinandertreffen.

Axel Wagner (55) ist Dienstgruppenleiter beim Polizeirevier Mitte und Zugführer bei Einsätzen der Polizeidirektion Kassel. Er ist außerdem stellvertretender Vorsitzende der Kasseler Kreisgruppe der Gewerkschaft der Polizei (GdP). Wagner ist verheiratet und Vater von zwei erwachsenen Kindern.

Das sagt die GdP: „Stadien sind kein rechtsfreier Raum“

„Der harte Kern der Ultras wird von den Sportvereinen nicht erreicht, er lässt sich durch deeskalierende Maßnahmen nicht von seinem Vorhaben abhalten, Stress zu provozieren“, sagt der Bezirksgruppenvorsitzende der Gewerkschaft der Polizei (GdP) Nordhessen, Stefan Rüppel. Daraus ergebe sich für die GdP die Forderung, dass gewalttätige Fans beweissicher ermittelt, dingfest gemacht und zeitnah verurteilt werden müssen. „Wir fordern konsequentes Handeln von Polizei und Justiz. Gegenüber den Rädelsführern sollten Stadion-Verbote ausgesprochen werden. Auch eine Meldeauflage, bei der sich bereits verurteilte Fans vor Spielbeginn bei der Polizei melden müssen, sei sinnvoll. „Stadien dürfen kein rechtsfreier Raum sein. Friedliche Fans müssen in Sicherheit Fußballspiele schauen können.“

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