"Ich werde immer die Schwarze bleiben"

Rassismus in Kassel: So werden schwarze Menschen im Alltag benachteiligt

Kämpfen im Alltag gegen Rassismus: Manuela Onderka (von Links), Zaki Al-Maboren und Ruth Hunstock.
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Kämpfen im Alltag gegen Rassismus: Manuela Onderka (von Links), Zaki Al-Maboren und Ruth Hunstock.

Nach dem Tod des Afroamerikaners George Floyd in den USA wird auch in Deutschland über Rassismus diskutiert. Wir lassen fünf schwarze Menschen aus Kassel zu Wort kommen.

Manuela Onderka (45) ist Mutter von drei Kindern, lebt im Vorderen Westen und arbeitet als Tagesmutter:

Wenn man als schwarze Frau durch die Stadt geht, muss man auf verbale Übergriffe aus dem Nichts vorbereitet sein. Es kam öfter vor, dass Autos hupen und man Sachen hört wie „Negerfotze“, „Negerschlampe“ und „Geh dahin, wo du herkommst“.

Das schlimmste Erlebnis hatte ich, als ich mit meinem ältesten Sohn, der damals eineinhalb war, eine Radtour in Kassel gemacht habe. Anders als seine beiden Brüder ist er schwarz. Ein Mann beschimpfte uns plötzlich aufs Übelste und sagte: „Jetzt müssen wir dein Gesocks hier auch noch großziehen.“ Gott sei Dank sind uns Leute zu Hilfe gekommen und haben dem Mann die Meinung gesagt.

Solche Vorfälle sind schon länger nicht mehr vorgekommen. Dafür werde ich im Internet häufig beschimpft. Und wenn ich mit meiner Familie eine Wohnung suche, wird nicht mit mir gesprochen, sondern mit meinem weißen Mann. Das sind alles kleine Verletzungen, die dazu führen, dass man sich ausgeschlossen fühlt.

Wenn ich andere Menschen auf solche Sachen hinweise, spüre ich oft eine Verletztheit bei ihnen. Sie fühlen sich an die Wand gestellt. Darum sollte man auch darauf hinweisen: Nur weil jemand rassistische Vorurteile reproduziert, ist er noch lange kein Rassist. Ich bin in Cuxhaven aufgewachsen. Meine Mutter ist Deutsche, mein Vater stammt aus Togo. Ich weiß, dass viele Menschen mit Begriffen wie „Negerkuss“ groß geworden sind.

Dass ich im Alltag zuletzt keine krassen Benachteiligungen mehr erlebt habe, liegt auch daran, dass ich Gegenden meide, in denen das passieren könnte. So war ich seit 14 Jahren nicht mehr in Ostdeutschland. Ich kriege die Angst nicht aus mir raus.

Ich sage bewusst, dass ich Schwarz bin – und zwar groß geschrieben, da es sich um eine Positionierung im gesellschaftlichen Kontext handelt. Den Begriff Mischling finde ich abwertend. Wahrscheinlich werde ich immer die Schwarze bleiben, die sich rechtfertigen muss, dass sie hier leben darf. Ich hoffe, meinem Sohn wird es einmal anders ergehen.

Zaki Al-Maboren (61) ist Künstler und Kunstvermittler. Der Vater zweier Kinder lebt mit seiner Familie in Kirchditmold:

Vor einigen Jahren rief ein Mann in der Fußgängerzone „Neger, Neger“ hinter mir her. Solche Dinge passieren aber ganz selten. Ich lebe seit mehr als 30 Jahren in Kassel und bin längst deutscher Staatsbürger. Manchmal denke ich, dass meine Hautfarbe eine Rolle spielen könnte, wenn ich als Künstler zum Beispiel bei Ausschreibungen nicht zum Zug komme. Zuletzt wurde meine Teilnahme an der Kasseler Kunstmesse abgelehnt. Da habe ich einen harten Verdacht.

Trotzdem habe ich nicht das Gefühl, dass ich im Alltag benachteiligt werde. Das bedeutet aber nicht, dass es keinen Rassismus gibt. Freunde von mir, die im VW-Werk arbeiten, berichten von spürbarer Ausgrenzung. Von Kollegen werden sie als „Neger“ oder „Dreckstürke“ bezeichnet. Und dass ein Gericht das N-Wort im Landtag erlaubt hat, finde ich ganz schlimm. Das ist institutioneller Rassismus, das darf nicht passieren.

Vor 17 Jahren kam ich mit meiner Familie aus dem Urlaub in Italien zurück. Bei einem Zwischenstopp am Walchensee in Bayern hat man uns ein Zimmer verwehrt. Wir hörten den Gastwirt sagen: „Gib denen kein Zimmer, das sind Ausländer.“ In solchen Momenten bin ich nicht verletzt, aber ich wundere mich. Was geht in den Köpfen der Menschen ab?

Meine Freunde sagen: „Fahr bloß nicht nach Brandenburg.“ Ich bin kein ängstlicher Mensch. Ich würde trotzdem in die neuen Bundesländer fahren, aber ich würde vorsichtig sein. Man fühlt sich dort nicht willkommen.

Als ich Ende der 80er-Jahre aus dem Sudan nach Deutschland kam, hat Solidarität hier eine große Rolle gespielt. Die Deutschen haben immer geholfen. Später ist diese Sensibilität verloren gegangen.

Auch deswegen fand ich es toll, dass am Samstag 3000 Menschen gegen Rassismus vor dem Kulturbahnhof demonstrierten. Damit hatte ich nicht gerechnet. Eltern sollten ihren Kindern beibringen, dass sie dunkelhäutige Kinder nicht meiden und erst recht nicht beschimpfen sollen. Das ist meine Hoffnung.

Oliver Wohlrab (37) alias DJ Blackskin arbeitet als Event-Manager in Kassel, ist verheiratet und hat zwei Söhne:

Ich bin groß und kräftig, da trauen sich viele nicht, etwas zu sagen. Früher habe ich Beleidigungen wegen meiner Hautfarbe im Sport erlebt, zum Beispiel beim Eishockey. Wenn jemand mit seiner Leistung nicht gegen mich ankam, hat er es damit versucht. Oft endete das in einer Schlägerei, die ich meistens gewonnen habe.

Mir begegnet Rassismus eher unterschwellig. Es gab Situationen, nach denen ich mich gefragt habe, ob ich wegen meiner Hautfarbe benachteiligt worden bin. Doch das passiert mir so selten, dass ich mich an keine konkrete Situation erinnern kann. Übrigens gibt es Rassismus auch umgekehrt. Es ist mir schon häufiger passiert, dass ein Farbiger über einen Weißen etwas gesagt hat, bei dem ich dachte: Das hätte ich so nicht gesagt.

Ich glaube, Rassismus ist ein Teil jeder Gesellschaft, der immer da war und immer da sein wird. In den USA ist das anders als in Deutschland. Dort heißt es Schwarze gegen Weiße, hier heißt es Deutsche gegen Ausländer. Meistens hat das mit fehlender Intelligenz zu tun. Ich denke, dass einem Menschen etwas Unbekanntes erst mal Angst macht. Das kann Menschen mit anderer Hautfarbe genauso passieren wie Behinderten. Doch in Deutschland gilt die Meinungsfreiheit. Niemand kann jemand anderem seine Meinung vorschreiben, und das finde ich auch gut so.

Ruth Hunstock (41) arbeitet als Fremdsprachenkorrespondentin. Sie ist verheiratet, hat einen Sohn und lebt in Wehlheiden:

Als ich vier war, bin ich mit meinen Eltern wegen des Krieges aus Eritrea geflohen. Heute engagiere ich mich gegen Rassismus und habe die Initiative „Side by Side – Afrodeutsche und Schwarze Menschen Nordhessen“ gegründet. Schwarz schreiben wir groß, weil es sich um eine politische Selbstbezeichnung handelt und nichts mit der Hautfarbe zu tun hat.

Ich möchte nicht, dass mein Sohn dieselben Erfahrungen macht wie ich, wenn er in den Kindergarten kommt. Dort hat ein anderes Kind einst zu mir gesagt: „Wir spielen nicht mit dir, weil du braun bist.“ Außerdem möchte ich nicht, dass er mit dem „N-Wort“ betitelt, „Schokobaby“ genannt wird und dass ihm Menschen in die Haare fassen, weil sie anders sind als die Haare von Weißen.

Es geht mir nicht darum, dass Hautfarben egal sind. Mit jeder Hautfarbe ist eine Geschichte verbunden. Ende des 18. und Anfang des 19. Jahrhunderts lebte die größte Schwarze Gemeinde Europas im „Dorf Mulang“ in Kassel. Viele Menschen wissen das gar nicht. Wenn ich ihnen von so etwas erzähle, sind ihre Reaktionen meist positiv. Ab und zu mache ich aber auch schlechte Erfahrungen. Neulich habe ich jemandem erklärt, dass Wörter wie „M-Kopf“ (Schaumkuss) Schwarze Menschen verletzen. Er hat sich als Rassist abgestempelt gefühlt, dabei wollte ich ihn gar nicht so bezeichnen.

Viele Menschen in Deutschland sind mit einer Sprache und Traditionen aufgewachsen, die Schwarzen Menschen wehtun. Das wissen die meisten Weißen nicht. Sie wollen nicht rassistisch sein, verhalten sich aber unbewusst trotzdem so. Daher versuche ich, sie dafür zu sensibilisieren.

David Le Grant wird heute 67 und arbeitet seit mehr als 30 Jahren als Kinotechniker im Filmladen und Bali. Der Vater dreier Kinder lebt in Kassel:

Ich bin in South Carolina zu den Hochzeiten von Martin Luther King und Malcom X, aber auch des Ku-Klux-Klans groß geworden. Mein Vater war einer der wenigen schwarzen Menschen mit eigenem Land, was bei manchen Weißen Hass erweckte. Wir waren allzeit vorbereitet auf rassistische Übergriffe. Darum waren an mehreren Orten im Haus Waffen versteckt.

In den Südstaaten lehrte man die weißen Kinder, sie seien besser als die Schwarzen. Mit diesem Lebensgefühl bin ich groß geworden. Darum kann ich die Frage, welche Benachteiligungen ich heute in Deutschland im Alltag erlebe, so nicht beantworten. Es geht nicht um das eine Beispiel – etwa, wenn man Neger genannt wurde.

Es geht um den strukturellen Rassismus, in dem wir leben. Uns wird jeden Tag bewusst gemacht, dass wir schwarz sind – und für mich ist das auch gut so.

Für mich sind Rassisten betrogene Menschen, die wir in die Mitte der Gesellschaft zurückholen müssen. Als Schwarzer sehe ich, wie viele junge Weiße, auch hier in Deutschland, eine schlechte Zukunftsperspektive haben mit 400-Euro-Jobs und Leiharbeit. Darin sehe ich den Grund ihrer Unzufriedenheit. Dieses soziale Experiment ist für mich gescheitert. No justice, no freedom. Ohne Gerechtigkeit keine Freiheit.

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