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Rathaus Kassel überlastet: Mutter wartet fünf Monate auf Wohngeld

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Von: Bastian Ludwig

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Antragsteller brauchen Geduld und finanzielle Reserven: Wegen großer Personalnot im Rathaus von Kassel warten manche bis zu einem halben Jahr auf ihre Bescheide.

Kassel – Weil der Bund aufgrund der Energiepreiskrise das Wohngeld ab 2023 erhöht und zudem den Kreis der Bezieher vergrößert hat, rechnet die Stadt mit einer Verdreifachung der Anträge. Um für die befürchtete Antragsflut gewappnet zu sein, will die Stadt schnell mehr Personal einstellen. „Es werden zeitnah 20 bis 30 zusätzliche Personalstellen geschaffen und besetzt“, heißt es aus der Behörde. Eine Ausschreibung der Stellen läuft bereits. Wobei es schon bislang – vor Ausweitung des Bezieherkreises – schwer war, geeignetes Personal zu finden.

Rathaus Kassel von Personalnot geplagt: Anträge können nicht rechtzeitig bearbeitet werden

Gesucht werden vor allem Verwaltungswirte und Verwaltungsfachangestellte. Doch gerade die werden auch in anderen Behörden benötigt, wo die Bezahlung teils besser ist. Auch deshalb hatte es zuletzt eine große personelle Fluktuation in der Abteilung gegeben. Weil die Einarbeitung in die komplexe Materie Monate dauert, kann das Rathaus dem Problem nur schrittweise Herr werden. Bei einer Verdreifachung der Anträge droht Chaos. Weil die Reform im Januar greifen soll, kann das Personal nicht schnell genug aufgebaut werden. Zumal schon die ersten Anfragen im Rathaus auflaufen, obwohl die Details der Reform noch nicht bekannt sind.

Die Bearbeitungszeit der Wohngeldanträge schwankt nach Angaben des Rathauses stark. Sofern der vollständig ausgefüllte Antrag sowie alle relevanten Unterlagen vorlägen, sei mit einer Bearbeitungsdauer innerhalb von zwölf Wochen zu rechnen. Leider gelte dies nur für etwa 20 bis 30 Prozent der Anträge. Häufig fehlten wichtige Unterlagen. Das Verfahren könne „erheblich verkürzt werden“, wenn das Antragsformular mit den darin enthaltenen Hilfestellungen komplett ausgefüllt und die entsprechenden Unterlagen dem Antrag vollständig beifügen würden, so eine Rathaus-Sprecherin.

Aktuell erhalten 1700 Haushalte in Kassel Wohngeld. Bei weiteren 200 Anträgen stehe die Auszahlung kurz bevor. In 1200 Fällen fehlten für die Bearbeitung noch entscheidungsrelevante Unterlagen, teilt das Rathaus mit. Wohngeld ist ein Zuschuss zur Miete, der abhängig von Familiengröße, Einkommen und Miete ist.

Alleinerziehende Mutter aus Kassel erzählt: 5 Monate auf Wohngeld gewartet

Anna Michels hat eine Behörden-Odyssee hinter sich. Die alleinerziehende Mutter von zwei Kindern ist Mitte April aus dem Allgäu nach Kassel gezogen. Weil sie kürzlich arbeitslos geworden war, musste sie mit Arbeitslosengeld I auskommen. Damit sie ihre Miete zahlen konnte, beantragte sie Wohngeld bei der Stadt Kassel. Eine schnelle Auszahlung, die sie dringend gebraucht hätte, gab es aber nicht. „An der Bürokratie verzweifelt man“, sagte die Frau aus Kassel, die monatelang auf ihr Geld warten musste.

Am 27. April hatte die Sozialpädagogin den Wohngeldantrag gestellt. Drei bis vier schriftliche Nachfragen sollten in den folgenden Wochen aus der Wohngeldstelle kommen. „Ich habe die fehlenden Bescheinigungen immer sofort nachgereicht“, sagt Michels. Doch dann wartete sie wieder vier Wochen, bis die nächste Nachfrage kam. So sollte sie etwa von ihrem vorherigen Wohnsitz im Allgäu eine Bescheinigung organisieren, dass sie dort kein Wohngeld mehr bezieht.

Als sich dann wieder wochenlang nichts tat, versuchte sie bei der Wohngeldstelle telefonisch jemanden zu erreichen. „Das war aussichtslos. Da ist nie jemand rangegangen. Ich habe mehrfach Nachrichten auf den AB gesprochen, aber auch da kam fast nie eine Rückmeldung.“ Auch einige „böse E-Mails“ habe sie den Behördenmitarbeitern geschickt. „Obwohl die Armen vermutlich auch nichts dafür können, dass sie überlastet sind.“

Lange Bearbeitungszeit bringt Haushalte in Existenznöte: Eine alleinerziehende Mutter aus Kassel musste jetzt fünf Monate auf den Bescheid für ihr Wohngeld warten.
Lange Bearbeitungszeit bringt Haushalte in Existenznöte: Eine alleinerziehende Mutter aus Kassel musste jetzt fünf Monate auf den Bescheid für ihr Wohngeld warten. © dpa

Mutter aus Kassel: „Ansonsten hätte ich nicht gewusst, was ich machen soll“:

Zum Glück habe sie eine finanzkräftige Familie, die ihr Geld leihen konnte. „Ansonsten hätte ich nicht gewusst, was ich machen soll.“ Immerhin ging es monatlich um knapp 300 Euro, die ihr an Wohngeld zustanden. Anfang Oktober, nach fünf Monaten Wartezeit auf einen Bescheid aus dem Rathaus, kam dann der nächste Schock. Michels hatte zum 1. Oktober eine neue Anstellung gefunden. Doch weil der neue Arbeitgeber nicht genug Personal gehabt habe, um Michels anzulernen, sei ihr bereits nach drei Tagen wieder gekündigt worden.

Unabhängig davon, dass sie nun weiter arbeitslos ist, hat dies auch andere gravierende Folgen. Denn sie muss für die Zeit ab 1. Oktober einen neuen Wohngeldantrag stellen. So war es nur ein kleiner Wermutstropfen, dass vergangenes Wochenende endlich der Wohngeldbescheid kam und sie die ausstehenden Zahlungen seit April überwiesen bekommt. „Jetzt muss ich wohl wieder so lange warten, bis mein neuer Wohngeldantrag bearbeitet ist“, befürchtet Michels.

Hintergrund: Die Höhe des Wohngeldanspruchs ist im Einzelfall abhängig von der Anzahl der Personen, der Höhe der Miete oder Belastung für das Eigenheim sowie der Höhe des Gesamteinkommens. „Die in Kassel maximal für einen Vierpersonenhaushalt anzuerkennende Miete beträgt 736 Euro. Daraus ist jedoch nicht abzuleiten, wie hoch ein durchschnittlicher oder maximaler Wohngeldanspruch sein könnte“, so eine Sprecherin der Stadt. In der Regel wird Wohngeld für zwölf Monate bewilligt. Der Zeitraum kann maximal auf 18 Monate ausgedehnt werden. Wenn sich die Voraussetzungen für den Bezug von Wohngeld verändern (Änderung Einkommen etc.), muss dies der Behörde angezeigt werden.

Was das angeht, macht die Wohngeldstelle Hoffnungen. Sobald Michels das unterschriebene Antragsformular sowie einen Nachweis über den Oktober-Verdienst vorlege, könne der Antrag bearbeitet werde, heißt es aus dem Rathaus. Alle weiteren nötigen Unterlagen lägen wegen des vorherigen Antrags vermutlich bereits vor. Grund für die verzögerte Bearbeitung des ersten Antrags seien Personalprobleme in der Abteilung Wohngeld gewesen. Wegen vieler Mitarbeiterwechsel hätten zuletzt viele neue Kollegen eingearbeitet werden müssen. Dies dauere mehrere Monate, weshalb Anträge nicht immer zeitnah hätten bearbeitet werden können, so eine Rathaussprecherin. (Bastian Ludwig)

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