40.000 Menschen im Raum Kassel können kaum lesen und schreiben

Kassel. Mehr als doppelt so viele Menschen wie bislang vermutet können in Stadt und Landkreis Kassel nicht lesen und schreiben - nämlich bis zu 40 000 Personen. Diese Hochrechnung bestätigte der Bundesverband Alphabetisierung gegenüber der HNA.

Anlass ist der Welt-Alphabetisierungstages der Vereinten Nationen am 8. September. Durch eine neue Studie der Universität Hamburg lägen erstmals nicht nur Schätzungen, sondern empirische Fakten zur Verbreitung des Analphabetismus vor, sagte Verbandsgeschäftsführer Peter Hubertus.

Demnach würden 14,5 Prozent aller Einwohner im erwerbsfähigen Alter als „funktionale Analphabeten“ gelten. Das heißt: Sie können möglicherweise einzelne Wörter mühsam schreiben und entziffern, aber selbst bei kurzen Texten den Sinn nicht verstehen.

Dabei ist Deutsch für fast 60 Prozent aller Betroffenen die Muttersprache. Vier Fünftel haben zudem einen Schulabschluss.

Analphabeten haben Übung darin, ihre Situation hinter allerlei Ausflüchten zu verbergen - etwa, die Brille vergessen oder sich die Hand verstaucht zu haben. „Sie schaffen es, sich irgendwie in ihrem Alltag einzurichten“, sagt Fachbereichsleiter Thomas Ewald von der Volkshochschule (vhs) Kassel Stadt und Land, die mit Kursen Hilfe anbietet.

Mehrheit hat Arbeit

Laut der Studie stehen fast 60 Prozent aller funktionalen Analphabeten im Arbeitsleben - wo ihre Lage laut Ewald in den meisten Fällen deshalb auffällt, weil sie im Job etwas lesen oder schreiben sollen.

Pro vhs-Semester entschließen sich etwa 200 Menschen, im Erwachsenenalter das Lesen und Schreiben zu lernen. Nur ein Fünftel der Teilnehmer komme aus dem einwohnerstärkeren Landkreis, schätzt Thomas Ewald und meint: „Das spiegelt nicht die tatsächliche Lage wider.“

In Dörfern und Kleinstädten sei wegen höherer sozialer Kontrolle die Angst vor gesellschaftlicher Abstempelung noch wesentlich stärker. Daher biete die vhs Kassel ihre Alphabetisierungskurse auch nur im Stadtgebiet an.

Beratung und Hilfe für Betroffene und Vertrauenspersonen gibt es am Alfa-Telefon des Bundesverbandes Alphabetisierung und Grundbildung: 0800 / 53 33 44 55

Von Axel Schwarz

Rubriklistenbild: © dpa

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