Mit Bart und rotem Mantel

Als Weihnachtsmann unterwegs: Ein Erlebnisbericht

Die Süßigkeiten sind verlockend: Der Weihnachtsmann versucht, die kleine Lilli zu bestechen, damit sie ihren Namen nennt. Doch die Furcht ist zu groß und selbst Mutter Jasmin Kleimann kann die Fünfjährige nicht überreden. Foto: Koch

Kassel. Ängstlich schaut mich das kleine Mädchen an. Irgendwie tut es mir leid. Normalerweise versuche ich, kleine Kinder zum Lachen zu bringen, doch heute nicht. Ich muss ernst bleiben. Denn ich bin der Weihnachtsmann. Ein Erlebnisbericht aus der ersten Reihe.

Natürlich mache ich das nur in Teilzeit, bevor Missverständnisse auftreten. Eigentlich bin ich Student an der Uni Kassel. Doch in der Adventszeit streife ich mit rotem Mantel und weißem Bart durch die Gänge eines Kasseler Kaufhauses und verteile Geschenke.

Für die Kleine bin ich jedoch das Original, und vor dem fürchtet sie sich. Selbst ein Bestechungsversuch mit Gummibärchen bleibt erfolglos und sie verrät mir nicht einmal ihren Namen. Erst als ich einen kleinen Stoffteddy mit roter Zipfelmütze aus meinem Sack ziehe, bricht das Eis. Sie beginnt zu strahlen, Zeit für mich weiterzuziehen. Es herrscht großer Trubel und ich muss aufpassen, wo ich hinlaufe. Besonders viel sehe ich nämlich nicht. Zwischen Bart unten und Perücke oben bleibt mir nur ein schmales Sichtfenster, und ich muss immer aufpassen, dass ich niemandem auf die Füße trete. Bei Schuhgröße 50 ist das ohne Bart schon eine mittelschwere Herausforderung.

Spontane Reaktion

Ein Junge kommt direkt auf mich zu. Er ist fünf und begeistert, mich zu sehen. Für ihn bin ich der Nikolaus, aber das ist okay. Kinder sind da nicht so kritisch, also bin ich es auch nicht.

Im Kindergarten hat er ein Gedicht auswendig gelernt, das er mir vortragen möchte. Ein wenig peinlich ist es mir, dass ich als Weihnachtsmann keine der Strophen kenne. Setzen, Sechs! Da besteht Nachholbedarf. Der Junge bekommt als Belohnung eine Tüte mit Nüssen, Äpfeln und natürlich Gummibärchen. Während ich dem Gedicht lausche, werde ich bereits von anderen Kindern umringt.

Der Weihnachtsmann ist eine Attraktion und kommt bei Jung und Alt gut an. Auch Erwachsene fragen immer wieder, ob ich auch an ihre Geschenke denke. Meist reicht die Gegenfrage, ob sie denn auch brav gewesen seien und damit ist das Thema vom Tisch.

Ein strenger Blick genügt

Häufig gilt aber „Je oller, je doller“: So habe ich als Weihnachtsmann erst von einer Rentnerin gelernt, dass es nicht ganz jugendfreie Weihnachtsgedichte gibt. Unter dem Gelächter einer ihrer Freundinnen flüsterte sie mir einige Zeilen ins Ohr. Für die ältere Dame gab es Gummibärchen, für mich erst mal eine Pause. Den Kindern genügt häufig schon ein Zwinkern oder Winken, und sie strahlen. Natürlich wollen auch immer einige Vorwitzige an meinem Bart ziehen. Doch ein strenger Blick genügt, und sie sind wieder brav. Denn eins ist klar: Vor Weihnachten will es sich niemand mit dem Mann im roten Mantel verscherzen. Schließlich bringt der die Geschenke. (rax)

Tim Conrads studiert Politik in Kassel und ist zurzeit Praktikant in der HNA-Lokalredaktion.

Von Tim Conrads

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