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Schaustellerin: Rauschgoldengel nichts für Kasseler

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Von: Ulrike Pflüger-Scherb

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Sie ist vom Kasseler Weihnachtsmarkt nicht wegzudenken: Camilla Wunderle ist seit 1972 auf dem Friedrichsplatz vertreten. Seit etwa 48 Jahren verkauft sie gebrannte Mandeln. Beim Aufbau von „Camillas Mandel-Hütte“ haben ihr ihr Enkelsohn Florian Göttermann (links) und Mitarbeiter Toni Perez geholfen.
Sie ist vom Kasseler Weihnachtsmarkt nicht wegzudenken: Camilla Wunderle ist seit 1972 auf dem Friedrichsplatz vertreten. Seit etwa 48 Jahren verkauft sie gebrannte Mandeln. Beim Aufbau von „Camillas Mandel-Hütte“ haben ihr ihr Enkelsohn Florian Göttermann (links) und Mitarbeiter Toni Perez geholfen. © Pia Malmus

Seit 1972 wird der Kasseler Weihnachtsmarkt wieder auf dem Friedrichsplatz veranstaltet. Im Interview blickt Camilla Wunderle auch zurück.

Kassel – Camilla Wunderle war vor 50 Jahren auch schon dabei, als der Kasseler Weihnachtsmarkt auf den Friedrichsplatz kam. Sie stammt aus einer Kasseler Schaustellerfamilie. Wir sprachen mit der 75-Jährigen über ein halbes Jahrhundert Weihnachtsmarkt in Kassel.

Können Sie sich noch an den ersten Weihnachtsmarkt 1972 auf dem Friedrichsplatz erinnern?

Ja. Für uns war das ja alles neu. Vorher hatte es nur einen kleinen Markt am Entenanger mit ein paar Geschäften gegeben. Der hatte aber wohl keinen Zulauf. Der Weihnachtsmarkt auf dem Friedrichsplatz war dann für uns Schausteller eine schöne Geschichte, da wir ansonsten im Winter nichts hatten.

Haben Sie auch damals schon gebrannte Mandeln verkauft?

Nein. Im ersten Jahr haben wir Rauschgoldengel und Artikel aus Marzipan für den Kaufmannsladen angeboten. Die hatte mein Mann Max, der aus Nürnberg stammt, dort früher schon auf dem Christkindlmarkt verkauft. Dort ist das gut gelaufen. Aber die Rauschgoldengel waren nichts für die Kasseler.

Warum nicht?

Die Nürnberger sind ein anderes Volk und haben eine andere Mentalität als die Kasseler. Und die Artikel für den Kaufmannsladen waren zwar sehr schön, aber wohl zu teuer.

Dann haben Sie es mit gebrannten Mandeln versucht?

Wir haben mit Mandeln und Erdnüssen angefangen, nach fünf bis sechs Jahren kamen dann noch die Walnüsse hinzu. Seit ungefähr 15 Jahren bieten wir Nüsse aus aller Welt an, wie zum Beispiel Macadamia- und Pekannüsse.

Was läuft am besten?

Es läuft alles gut, aber die gebrannten Mandeln sind immer noch die Nummer eins.

Wo werden die Mandeln gebrannt?

Wir kaufen die Rohware und brennen die Nüsse dann direkt bei uns im Stand. Dafür haben wir zwei Maschinen.

Das Rezept ist sicher Geheimsache?

Jeder brennt sein eigenes Rezept. Wir achten darauf, dass wir nur eine dünne Zuckerkruste haben. Dadurch haben die gebrannten Mandeln nicht nur weniger Kalorien, sondern schmecken auch besser. Richtig nach Mandel. Das macht jeder, wie er denkt.

Haben Sie Stammkunden, die schon seit 50 Jahren zu Ihnen kommen?

Die haben wir. Manche Kunden kamen schon als Kinder zu uns und besuchen jetzt den Stand mit ihren eigenen Kindern. Manche haben uns auch schon eine Flasche Wein vorbeigebracht. Eine Frau kommt jedes Jahr und schenkt mir einen Stern oder ein Herz als Schmuck für den Baum. Es handelt sich um die Hebamme, die 1977 in den Städtischen Kliniken bei der Geburt meines Sohnes dabei war.

Freuen Sie sich auf die anderen Schausteller?

Ja, wir haben ja schöne Erinnerungen an den Markt. Manche Kollegen trifft man ja nur noch hier. Neben der Arbeit trinken wir auch mal zusammen Kaffee und haben ein bisschen Spaß.

Gibt es spezielle Erinnerungen?

Wir hatten auch schon sehr kalte Weihnachtsmärkte mit Temperaturen von minus zehn Grad. Aber wir haben ja zum Glück alle Skiunterwäsche. In einem Jahr habe ich für meine polnischen Mitarbeiter noch warme Unterwäsche bei C&A kaufen müssen, weil es so kalt geworden war. Die vergangenen Jahre waren aber sehr mild. Das war für die Glühweinstände nicht so gut. Mich hat das aber nicht gestört. Meine Mandeln werden immer gegessen. Auch wenn es wärmer ist.

Der Anschlag auf den Berliner Weihnachtsmarkt an der Gedächtniskirche im Jahr 2016 war sicher auch ein einschneidendes Erlebnis für die Schausteller in Kassel.

Das war eine furchtbare Geschichte, die auch Angst verursacht hat. Wie haben damals sehr darunter gelitten. Aber es ist ja einiges für die Sicherheit gemacht worden, zum Beispiel sind die Poller aufgestellt worden. So etwas wie in Berlin darf sich nicht wiederholen.

Vergangenes Jahr gab es die Corona-Beschränkungen und aktuell die Energiekrise. Wie haben Sie darauf reagiert?

Wir hatten schon vorher größtenteils auf LED umgestellt. Jetzt haben wir noch die großen Scheinwerfer umgerüstet. Wir versuchen zu sparen, wo es geht. Ein Weihnachtsmarkt ohne Licht geht aber nicht. Das wäre sehr traurig.

Worauf freuen Sie sich denn nun am meisten?

Auf meine Kunden und auf Normalität. Einen Markt ohne Corona-Beschränkungen. Ich hoffe auf einen schönen und erfolgreichen Weihnachtsmarkt in Kassel.

Zur Person

Camilla Wunderle (75) wuchs in einer Schaustellerfamilie auf. Ihre Eltern, die eine Schießhalle hatten, waren kurz nach ihrer Geburt im Jahr 1947 nach Kassel gezogen. Schon als Kind bereiste Camilla mit ihren Eltern viele deutsche Städte. Vor 50 Jahren lernte sie in Nürnberg Schausteller Max Wunderle kennen. Die beiden heirateten, bekamen zwei Kinder. Max Wunderle, mittlerweile 83 Jahre alt, war einige Jahre Vorsitzender des Schaustellerverbands Kassel. Tochter und Sohn arbeiten auch als Schausteller. Die Wunderles haben drei Enkelkinder. Enkelsohn Florian Göttermann macht seiner Großmutter auf dem Friedrichsplatz Konkurrenz: Er verkauft auch gebrannte Mandeln. (Ulrike Pflüger-Scherb)

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