Taxi-Gewerbe blickt gespannt auf Entwicklungen

Verbote kaum kontrollierbar: Die Reaktionen aus Kassel auf das Diesel-Urteil

Kassel. Nach dem Diesel-Urteil des Bundesverwaltungsgerichts in Leipzig rechnet die Stadt Kassel nicht damit, dass im Stadtgebiet kurzfristig Fahrverbote erlassen werden. Das Rathaus sieht jetzt das Land Hessen am Zug.

„Aus unserer Sicht ist nun das Land Hessen am Zug, ernsthaft zu prüfen, abzuwägen und die Luftreinhaltepläne anzupassen“, sagte Rathaussprecher Claas Michaelis. Mit Fahrverboten für einzelne Straßen, „wie sie offenbar auf Bundesebene angedacht sind“, würde das Stickoxid-Problem nicht gelöst, sagte er: „Die Belastung würde sich nur auf andere Bereiche der Stadt verlagern, weil der Verkehr ausweicht.“

Zudem ließen sich solche stellenweisen Verbote nicht praktikabel kontrollieren, sagte der Rathaussprecher: „Den Autos ist nicht anzusehen, ob sie die Grenzwerte einhalten oder nicht.“ Deswegen schließe sich die Stadt Kassel der Forderung des Deutschen Städtetages nach einer blauen Plakette an, um Autos mit weniger Schadstoffen zu kennzeichnen.

Mit der blauen Plakette wäre es laut Michaelis auch einfacher, Ausnahmen zu regeln – beispielsweise für Lieferverkehr und Handwerker. Sogar das Bundesverwaltungsgericht halte die Umsetzung von Verboten ohne Plakette für deutlich erschwert.

„Wir alle gemeinsam wollen Fahrverbote verhindern“, heißt es in einer gemeinsamen Stellungnahme von Verkehrsdezernent Dirk Stochla (SPD) und Umweltdezernent Christof Nolda (Grüne) zu möglichen Folgen des Leipziger Urteils. „Aber wenn wir in den Städten dazu gezwungen werden, um die Gesundheit der Menschen zu schützen, müssen wir vorbereitet sein.“

Die Belastung der Kasseler Luft mit Stickstoffdioxid (NO2) hat viele Jahre über dem zulässigen Grenzwert gelegen. Im vergangenen Jahr nun wurde erstmals der Maximalwert von 40 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft knapp unterschritten: 38,9 Mikrogramm Stickstoffdioxid wurden im Jahresschnitt 2017 an der Messstation Fünffensterstraße ermittelt.

Zum Vergleich: Der Messwert hatte 2015 mit 42,1 Mikrogramm und 2016 mit 43 Mikrogramm über dem Grenzwert gelegen.

Tendenziell sei für die vergangenen Jahre eine Abnahme zu erkennen. „Als Entwarnung kann diese eine Unterschreitung jedoch nicht angesehen werden“, betonte die Stadt Kassel. Zumal nach Berechnungen des Hessischen Landesamtes für Naturschutz, Umwelt und Geologie (HLNUG) an anderen Stellen im Stadtgebiet Werte über dem Grenzwert festgestellt worden seien.

Um nachzuweisen, dass diese Berechnungen stimmen, wird seit Januar auch in der Schönfelder Straße die NO2-Konzentration gemessen, monatlich ausgewertet und mit den Werten der Fünffensterstraße verglichen.

Das Landesamt betreibt in Kassel zwei Luftmessstationen: die eine an der Fünffensterstraße und eine zweite Messeinrichtung auf dem Parkplatz hinter der Komödie. Für die Bewertung der lufthygienischen Situation im Ballungsraum Kassel seien die Messungen in der Fünffensterstraße ausschlaggebend, betont die Stadt.

Handwerk fordert "umfassende Ausnahmen"

Die Handwerkskammer Kassel hält Fahrverbote für einen „falschen Weg, weil sie für unsere Betriebe existenzbedrohend sind“, sagte Handwerkspräsident Heinrich Gringel auf Anfrage der HNA. 

Die Fuhrparks im Handwerk bestünden zu 80 bis 90 Prozent aus Dieselfahrzeugen. Geeignete Modelle nach neuester Abgasnorm seien aktuell nur wenige erhältlich. Mobilität gehöre zum Geschäftsmodell der Branche. „Heizkessel, Fensterglasscheiben oder sperrige Rohre lassen sich nur per Lkw zum Kunden transportieren“, sagte Gringel. 

Falls Fahrverbote kämen, müsse es für das Handwerk „umfassende Ausnahmegenehmigungen geben“, forderte er.

Taxifahrer sehen sich gut aufgestellt

Auch im Kasseler Taxigewerbe ist die Leipziger Gerichtsentscheidung gespannt beobachtet worden, berichtete Geschäftsführer Markus Semmelroth von der Taxizentrale 88111. "Ob das für uns Sonderregelungen mit sich bringen wird, bleibt abzuwarten", sagte er. Vor Fahrverboten im Innenstadtbereich glaubt Semmelroth sein Gewerbe einstweilen "relativ sicher – im ersten Schritt jedenfalls, aber man weiß ja nie, was die Politik so entscheidet". 

Der Taxi-Geschäftsführer verwies darauf, dass mittlerweile nur noch etwa die Hälfte der Kasseler Taxen einen Dieselmotor unter der Haube habe: "Etliche haben bereits alternative Antriebe wie Erdgas oder Hybridtechnik". So sei etwa das größte an die Zentrale angeschlossene Einzelunternehmen mit sämtlichen 20 Fahrzeugen ausschließlich mit Erdgas unterwegs.

Die andere Hälfte der aktuell rund 130 konzessionierten Kasseler Taxis seien aber immer noch Dieselfahrzeuge. Die hätten vor allem bei langgedienten Berufskollegen noch immer das Image, „der beste Antrieb“ zu sein, weil Diesel bei geringem Kraftstoffverbrauch überdurchschnittlich hohe Laufleistungen erbringen würden. „Für unser Gewerbe sind Reichweite und Zuverlässigkeit nun mal die wichtigsten Kriterien“, sagte Semmelroth.

Weil Taxis so viele Kilometer auf dem Tacho anhäufen wie kein privater Pkw, ist nach relativ kurzer Nutzungsdauer dennoch recht bald ein Austausch fällig. Schon die Komfort-Ansprüche der Fahrgäste gebieten dies. Der Zentralen-Geschäftsführer schätzt, dass das Durchschnittsalter aller Kasseler Taxis bei dreieinhalb bis vier Jahren liegen dürfte. Und falls der Neuwagen dann wieder ein Diesel sei, erfülle dieser ja die aktuellste Schadstoffnorm Euro 6, sagt Semmelroth. Er sei zuversichtlich, dass sein Gewerbe gut aufgestellt sei, falls die Rede auf örtliche Fahrverbote komme.

Wie es auf dem Kasseler Markt für gebrauchte Diesel-Pkw aktuell aussieht, war am Dienstag mit einer stichprobenartigen Umfrage bei großen Autohäusern nicht in Erfahrung zu bringen. Gegenüber der HNA wollte sich niemand äußern. „Das ist ein hochpolitisches Thema“, sagte ein Verantwortlicher.

Über 90.000 Diesel-Fahrzeuge in Kassel

Genau jedes 3. Auto in Kassel ist ein Diesel. Dies geht aus dem Deutschen Auto-Städte-Atlas hervor, den das Portal kfzteile24 im Statistik-Vergleich der 100 größten deutschen Städte erstellt hat. Demnach kommen in Kassel auf je 1000 Einwohner 443 zugelassene Pkw, bei zuletzt 204.000 Kasselern wären das rechnerisch 90.372 Fahrzeuge.

Rund 66 Prozent davon sind Benziner (wozu auch Gas-Fahrzeuge gerechnet wurden), 33 Prozent Diesel, der kleine Rest entfällt auf Hybrid- und Elektroautos. Das Durchschnittsalter der Kasseler Fahrzeuge wird mit 9,1 Jahren angegeben. Bevorzugte Automarke der heimischen Fahrer ist Volkswagen, gefolgt von BMW.

Rubriklistenbild: © dpa

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