Christian Geselle im HNA-Interview

„Realistischer Visionär“: Der neue Bürgermeister über die Zukunft Kassels

„Fühle mich für die Zeit als Oberbürgermeister vernünftig aufgestellt“: Christian Geselle (41) im HNA-Gespräch. Heute wird er in der Stadtverordnetenversammlung ins Amt eingeführt. Foto: Malmus

Kassel. Christian Geselle wird am Montag in der Stadtverordnetenversammlung als neuer Oberbürgermeister eingeführt. Im Interview sprach er über Gegenwind, dickes Fell und den Generationenwechsel im Rathaus.

Offiziell beginnt seine Amtszeit am 22. Juli. Vorab sprachen wir mit dem 41-jährigen Sozialdemokraten über seinen Fahrplan für die nächsten sechs Jahre.

Herr Geselle, Sie sind für sechs Jahre gewählt. Haben Sie jetzt schon eine Vorstellung, wie Kassel 2023 aussehen soll?

Christian Geselle: Ich sehe uns im Jahr 2023 auf dem Weg zum besten Zuhause schon einen deutlichen Schritt weitergekommen. Die positive wirtschaftliche Entwicklung wird sich fortgesetzt, die Finanzen werden sich verbessert haben. Kassel wird dann unter anderem durch mehr Kita-Plätze familienfreundlicher geworden sein. Die Situation auf dem Wohnungsmarkt hat sich entspannt, und es wird Baugrundstücke für Familien geben.

Und sonst?

Geselle:Im Jahr 2023 könnten wir kurz davor sein, Europäische Kulturhauptstadt 2025 zu werden – aber auch unabhängig von einem möglichen Titel wird sich das kulturelle Leben in der Stadt weiterentwickelt haben und auch die junge Kulturszene gestärkt sein. Die zweite Eisfläche wird dann stehen, die Sanierung der Schleuse abgeschlossen sein und ebenso die Sanierung des Karlsstraßenflügels am Rathaus als ein großes Projekt.

Wird die Kulturhauptstadt-Bewerbung das Überthema Ihrer ersten Amtszeit sein?

Geselle: Die Bewerbung ist eine wichtige Angelegenheit, die sich aber auch nicht rein auf Kulturelles beschränkt, sondern Bereiche wie Stadtentwicklung, Bildung und Soziales einschließt. Über das Thema Kulturhauptstadt hinaus haben wir viele weitere Themen, die wir angehen werden. Wir müssen zum Beispiel an der weiteren wirtschaftlichen Entwicklung der Stadt arbeiten und die Wohnsituation entschärfen, um Wegzüge egalisieren zu können. Es muss schließlich weiter Spaß machen und lebenswert sein, in Kassel zu wohnen. Und wie lebens- und liebenswert Kassel ist, dürfen künftig noch mehr Menschen erfahren – wir werden Stadtmarketing und Tourismus weiter voranbringen.

Er schätze Bertram Hilgen sehr, habe vieles von ihm mitbekommen. „Doch ich werde als Oberbürgermeister anders sein“, sagt Christian Geselle. Unser Foto zeigt Geselle und Hilgen im Juni 2005 beim Grunnelbachfest in Niederzwehren.

Apropos Spaß. Was überwiegt eigentlich vor dem Amtsantritt: die Freude oder der Respekt?

Geselle: In erster Linie freue ich mich auf meine neuen Aufgaben – bei allem Respekt. Oberbürgermeister seiner Heimatstadt zu sein, das ist ein toller Job.

Sie haben seit Ihrer Wahl schon enormes Tempo vorgelegt. Können Sie es kaum abwarten, als OB loszulegen?

Geselle: Nach der Wahl und vor dem Amtsantritt waren halt eine Menge Entscheidungen zu treffen. Inzwischen fühle ich mich für die Zeit als neuer Oberbürgermeister vernünftig aufgestellt. Wenn es in der Stadtverordnetenversammlung noch mit der geplanten Wahl der Beigeordneten Ilona Friedrich, Dirk Stochla und Susanne Völker sowie der Wiederwahl von Christof Nolda klappt, wäre das Team komplett, um die Stadt weiter voranzubringen.

Sie haben auch schon Kritik einstecken müssen, zuletzt gab es Diskussionen um die Besetzung des Kulturdezernats mit Susanne Völker. War das ein Vorgeschmack darauf, dass ein OB zwangsläufig mit Gegenwind leben muss?

Geselle: Na, man muss sich schon ein dickes Fell wachsen lassen. Sachliche Kritik nehme ich an. Niemand hat die Weisheit gepachtet. Aber es gibt auch andere Kritik, vor allem im Internet. Die lasse ich nicht an mich herankommen.

Die Kritik im Internet ist das eine, die Kritik der eigenen Partei das andere. Sie kam zum Beispiel auf, als Sie Ilona Friedrich und nicht Petra Friedrich als Sozialdezernentin vorschlugen. Wie gehen Sie mit Kritik aus den eigenen Reihen um?

Geselle:Die SPD – und nicht zuletzt die in der Stadt Kassel – ist dafür bekannt, dass sie eine diskussionsfreudige Partei ist. Und dass sie gern auch Debatten gegen ihr eigenes Spitzenpersonal führt. Deshalb weiß ich das einzuschätzen. Aber ich sage klipp und klar: Ich bin nicht Oberbürgermeister der SPD, sondern der Stadt Kassel; in der Verantwortung für unsere Stadt und ihre Bürger bin ich gewählt.

Sie wollen aber nicht nur Oberbürgermeister sein, sondern zugleich auch Kämmerer bleiben. Kann das funktionieren: auf der einen Seite der Mann der Visionen, auf der anderen Seite der Bremser?

Geselle: Ich bin ja ein realistischer Visionär. Ich verspreche nur das, was ich auch halten kann, denn natürlich muss am Ende alles bezahlt werden. Deshalb sehe ich da keine Probleme. Zur Idee, Planung und Umsetzung eines Vorhabens gehört für mich immer auch die Prüfung, ob die Finanzierung seriös erfolgen kann. Irgendwelche nicht umsetzbaren Ideen in die Welt zu setzen, das ist nicht meins.

Prüfen Sie das dann mit sich selbst?

Geselle: Ich sehe in der Doppelfunktion als Oberbürgermeister und Kämmerer dieser Stadt keinen Widerspruch. Bislang war ich bereits als Stadtkämmerer für die Finanzen und auch für die Sozialpolitik zuständig; die Abwägung hat auch hier gut funktioniert.

Wie zuversichtlich sind Sie, dass die Koalition mit einer Stimme Mehrheit hält?

Geselle:Die neue Rot-Grün-Liberale Koalition kommt auf 36 der 71 Sitze in der Stadtverordnetenversammlung. Ich gehe davon aus, dass jeder Stadtverordnete von SPD, Grünen und Liberaler Liste diszipliniert und verantwortungsvoll genug ist, um diese Koalition zu stützen. Dann sind 36 Leute dazu in der Lage, eine Stadt zu steuern.

Im Alter von 41 Jahren werden Sie neuer Oberbürgermeister in der Stadt Kassel. Ist dieser OB-Wechsel auch mit einem Generationswechsel im Rathaus verbunden?

Geselle:Ja, ich glaube schon. Ich bin 22 Jahre jünger als Bertram Hilgen, das ist quasi eine Generation. Wenn ich Bertram Hilgen auch sehr schätze und vieles von ihm mitbekommen habe, werde ich doch als Oberbürgermeister anders sein. Ich bin ein anderer Mensch und habe eine andere Herangehensweise.

Zur Person: Christian Geselle 

Geselle (41) ist gebürtiger Kasseler und wuchs im Stadtteil Niederzwehren auf. Nach dem Besuch des Wilhelmsgymnasiums wurde er Polizeibeamter. Von 1995 bis 2005 war er in Frankfurt bei der Polizei im Einsatz. Parallel begann er ein Jura-Studium in Göttingen. Bis zur Wahl zum Kämmerer der Stadt Kassel im Mai 2015 war er als Jurist beim Land Hessen beschäftigt. Am 5. März gewann er die Wahl zum Oberbürgermeister der Stadt Kassel mit 56,6 Prozent gegen fünf Mitbewerber. Christian Geselle lebt mit seiner Ehefrau, Sohn und Tochter in Niederzwehren. In seiner Freizeit geht der neue Kasseler OB ins Fitnessstudio, zum Joggen oder spielt mit den Stavo-Kickern Fußball.

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