Rechnung in den Mund gestopft: Sohn soll Mutter misshandelt haben

Kassel. Kurze Haare, grauer Pullover, den Blick gesenkt - so sitzt der Angeklagte am Freitag im Kasseler Amtsgericht. Er ist 29 Jahre alt und hat wohl nicht zum ersten Mal mit der Justiz zu tun. Jetzt sitzt er auf der Anklagebank, weil er seiner eigenen Mutter 60 Euro geraubt, sie geschlagen und gewürgt haben soll.

Unter Androhung weiterer Gewalttätigkeiten soll er knapp zwei Wochen später Essen und Geld von ihr verlangt und zumindest das Essen auch erhalten haben. Die Mutter habe damals im Oktober um ihr Leben gefürchtet.

Das Würgen streitet der 29-Jährige ab - doch das meiste, was die Anklage ihm vorwirft gibt er nach und nach zu. „Ich habe eigentlich eine gute Mutter“, beginnt er seinen Bericht. „Sie hat mir immer alles gegeben - ich bin der einzige Junge.“ Man verstehe sich aber nicht gut. Schnell kämen Aggressionen ins Spiel. „Ich und meine Mutter, das ist schon richtig hart“, sagt er irgendwann.

Am ersten fraglichen Oktobertag wollte die Mutter dem 29-Jährigen offenbar nicht mehr alles geben. Morgens habe er ihr eine Rechnung in den Briefkasten geworfen, sagt der Angeklagte aus. Sie habe oft gezahlt. Später stand er selbst vor ihrer Tür in der Nordstadt. Er sei verzweifelt gewesen, weil er sein Geld verspielt hatte. Auch von „Kiffen“ ist die Rede, vor allem aber davon, dass er „gehungert“ habe. Es sei abgemacht gewesen, dass er Essen hole.

Als er nicht eingelassen wurde, habe er die Tür mit Schultereinsatz aufgedrückt, sagt der 29-Jährige. Die Mutter habe ihn angeschrien, beleidigt, angespuckt. Er habe zugeschlagen. Die Polizistin, die später mit einer Funkstreife in der Wohnung der Mutter eintraf, berichtet als Zeugin von einem geschwollenen Auge bei der Frau - „grünlich verfärbt“.

Der Sohn versichert dem Gericht, er habe die Mutter an jenem Tag das erste Mal geschlagen. Obwohl also gerade „etwas Schlimmes passiert“ sei, habe sie sich aufs Sofa gesetzt und über die Rechnung geredet. Da habe er den Brief, der mittlerweile in der Wohnung lag, genommen und „ihr in den Mund gedrückt“.

Was dabei in seinem Kopf vorgegangen sei, will Staatsanwältin Sabrina Meier wissen. „Es gibt keinen Anspruch, dass Mütter Rechnungen zahlen!“ schärft sie dem junge Mann ein. Und sie beschreibt ihren Eindruck, dass ihm die Mutter nicht Leid getan habe. „Ich weiß grad echt nicht, was das von Ihnen soll“, wehrt sich der 29-Jährige - dann drückt er sich kurz ein Taschentuch ans Gesicht. „Ist halt passiert“, sagt er dann. „Ich hatte ‘ne schwere Zeit.“

Die Verhandlung vor dem Amtsgericht wird im August fortgesetzt.

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