Geradezu unglaublicher Zufall

Er saß rechts auf dem Panzer: Erich Becker erkennt sich auf Foto von 1943

Kassel. Es ist ein geradezu unglaublicher Zufall. Der 93-jährige Erich Becker hat sich auf einem in der HNA veröffentlichten Foto von 1943 wiedererkannt. Aufgenommen wurde das Foto von einem Kriegsreporter im Sommer 1943 beim Vorstoß deutscher Truppen in der Ukraine.

„Das war unsere Tigereinheit 506“, sagt Erich Becker, der in einem Kasseler Seniorenheim lebt. Er war damals 22 Jahre alt und Kommandant des bei Henschel in Kassel produzierten Panzers.

Er erinnert sich noch daran, dass damals ausnahmsweise der Funker auf dem Panzer mitfahren durfte. Mit dem Fahrer des Panzers hat er sich noch einige Jahre nach dem Krieg geschrieben. Die Namen des Richtschützen und des Ladeschützen weiß er auch noch.

Archivbild aus dem Zweiten Weltkrieg: Die Aufnahme zeigt eine Kolonne von deutschen Panzern des Henschel-Modells Tiger auf dem Weg durch die Ukraine. Oben rechts auf dem Panzer saß Erich Becker.

Erich Becker ist direkt nach dem Abitur zum Arbeitsdienst gekommen, musste Bunker für den so genannten Westwall graben und wurde beim Panzerregiment 1 in Erfurt für den Einsatz an der Ostfront geschult. Er habe sehr viel Glück gehabt und deshalb überlebt, sagt er rückblickend. Bis 30 Kilometer vor Moskau sei er mit seiner Panzereinheit gekommen. An 40 Grad Kälte erinnert er sich, an riesige Schneewehen und an die Nächte in einer schnell gegrabenen Höhle unter dem Panzer.

Eines Tages habe der Motor des Tigers gestreikt. Eine Reparatur war unmöglich. „Unser Kommandeur hat uns gesagt, wir sollen uns zu Fuß Richtung Westen durchschlagen“, erinnert sich Becker. Mit einem Pferd und einem Schlitten machten sie sich zu viert auf den Weg durch Schnee und Eis. Im Umfeld von Bauernhöfen haben sie nach Essensresten gesucht und Fleisch von verendeten Pferden gegessen. „Nach 500 Kilometern haben wir endlich wieder Soldaten unserer Einheit mit Fahrzeugen getroffen“, sagt er.

Becker hat es zurück bis nach Deutschland geschafft, war noch in Italien, Griechenland, Jugoslawien und gegen Kriegsende in der Nähe von Brilon.

Lehrer an Herkulesschule 

Den Zeitungsausschnitt hat er aufgehoben: Erich Becker mit dem Foto des Tigerpanzers von 1943, auf dem er zu sehen ist.

Nach kurzer Gefangenschaft bei den Amerikanern hat er als Schulhelfer in der Nähe von Fulda angefangen. Die aus heutiger Sicht kurze Ausbildung und das Lehrerexamen kamen wenig später. Seine Frau lernte er bei der Hochzeit der Schwester kennen. Sie kam aus Kassel, wo der junge Lehrer 1948 hinzog. Erich Becker hat Jahrzehnte an der Herkulesschule im Vorderen Westen unterrichtet. Er ist seit sechs Jahren Witwer, sein Sohn ist an einer Lungenkrankheit gestorben.

Bei einem Klassentreffen haben ihm die längst erwachsenen ehemaligen Schüler ein Buch mit ihren Aufzeichnungen geschenkt. Ein „guter Hirte“ sei er für sie gewesen, ist da zu lesen. Das freut ihn bis heute.

Von Thomas Siemon

Rubriklistenbild: © dpa

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