HNA-Interview

Rechtsextremismus-Experte Helge von Horn über Kagida-Demos

Kassel. Michael Viehmann, Organisator der Kagida-Kundgebungen (Kasseler gegen die Islamisierung des deutschen Abendlandes), bestreitet eine Nähe zu Rechtsextremisten.

Dabei nahmen führende NPD-Funktionäre an der Demo am vorigen Montag teil. Mit dem Rechtsextremismus-Experten Helge von Horn haben wir über Kagida gesprochen.

Herr von Horn, vereinzelt wird über Kagida-Organisator Michael Viehmann behauptet, er sei stadtbekannter Rechtsextremist. Wie schätzen Sie als Szenekenner Kagida ein?

Helge von Horn: Die Kagida-Gruppe ist schwer einzuschätzen. Viele der Demonstranten sind offen rechtslastig, aber nicht in Parteien. Michael Viehmann ist bisher nicht als Rechtsextremist in Erscheinung getreten. Aufgefallen ist er in den vergangenen Monaten, weil er nach seiner Teilnahme an der HoGeSa-Demonstration (Hooligans gegen Salafisten) in Köln versucht hat, als zentrale Figur in Nordhessen die Anreise zu der HoGeSa-Demonstration in Hannover zu organisieren.

Wie gefährlich ist Kagida? 

Horn: Es sind einige dabei, die zumindest latent gewaltbereit sind. Insofern sind diese Personen durchaus gefährlich. Zwar gibt Kagida vor, gewaltfrei zu sein. Aber gewaltfreie Hooligans gibt es nicht.

Ist Kagida also eine Hooligan-Gruppe?

Horn: Im Rahmen von HoGeSa sind einige Hooligans wieder aktiv geworden, um die es lange still war oder die noch gar nicht im Fokus standen. Jetzt gibt es etwas, was sie wieder auf die Straße treibt. Darunter sind viele Kader, die ihre heiße Zeit in den 80er- und 90er-Jahren hatten. In Kassel sind das auch Hooligans aus dem Umfeld des KSV Hessen Kassel, die aber nirgends fest organisiert sind. Bei Kagida waren aber auch Angehörige anderer Gruppen.

Welche sind das? 

Horn: Das ist sehr vielfältig, auch vom Alter her. Leute in den 20ern waren genauso dabei wie Menschen im Rentenalter. Den Großteil der Teilnehmer schätze ich auf um die 40. Angekündigt hatten sich Mitglieder einer Burschenschaft aus Marburg, von denen ich aber nicht weiß, ob sie auch da waren. Einige Teilnehmer sind rechtsextremen Kameradschaften wie den Freien Kräften Schwalm-Eder zuzuordnen. Von Parteien waren Mitglieder der Alternative für Deutschland (AfD) da und von der NPD.

Welche Rolle spielt die NPD? 

Horn: Allein wegen ihrer großen Personalprobleme erhofft sich die NPD eine neue Anhängerschaft über Kagida und vergleichbare Kundgebungen, die derzeit in mehreren Städten stattfinden.

Kagida-Organisator Viehmann hat angekündigt, nun jeden Montag zu demonstrieren. Auch Gegenkundgebungen soll es geben. Wie geht es weiter? 

Horn: Das ist eine spannende Frage. Die Hooligans wollen auf jeden Fall Action haben. Zwei Stunden in der Kälte zu stehen, reicht ihnen nicht. Entscheidend wird sein, ob sich Kagida anschlussfähig für weitere Kreise zeigt. Das ist schwer einzuschätzen.

Die Auseinandersetzungen bei der Gegendemonstration haben der Kagida-Gruppe, die sich gewaltfrei gezeigt hat, in die Hände gespielt. 

Horn: Das stimmt. Aber es ist wichtig, dass ein starkes Signal dagegen gesetzt wird. Ansonsten besteht die Gefahr, dass die Kagida-Anhänger denken, sie würden tatsächlich Positionen vertreten, die die große Masse der Bevölkerung genauso sieht.

Ist zu befürchten, dass sich bei den Kundgebungen radikale Islamisten blicken lassen, die eigentlichen Kagida-Gegner? 

Horn: Das kann ich mir nicht vorstellen. Die Salafisten bekommen derzeit allgemein ziemlich starken Gegenwind. Außerdem haben sie aus Erfahrungen in Nordrhein-Westfalen gelernt, wo sie gezielt auf Provokationen der rechtsextremen Partei Pro Köln eingegangen sind. Das hat ihnen im Nachhinein geschadet.

Welche Tipps kann man jemandem geben, der Menschen mit Sympathien für Kagida und andere in seinem Umfeld hat? 

Horn: Erst einmal sollte man denjenigen dazu bringen, sich kritisch mit den völlig unglaubwürdigen Quellen auseinanderzusetzen. Zweitens sollte man die Person erklären lassen, was er unter dem Begriff der Islamisierung versteht, denn als rechtsextremer Kampfbegriff beinhaltet er ja eine geplante und gesteuerte Unterwerfung. Da ist vieles diffus. Und drittens muss man Sympathisanten auf das Umfeld hinweisen, in das sie sich begeben wollen. Und das sind vielfach Hooligans, denen es zuerst um Gewalt geht. Dann muss man eins klarmachen: Um gegen Salafismus zu sein, brauche ich keine Hooligans.

Von Claas Michaelis

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