Zu wenige Stellen in Kassel

Rechtsmedizin: Sparen auf Kosten der Opfer

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Kassel. Die Kasseler Rechtsmedizin ist unterbesetzt. Das sagt Prof. Reinhard Dettmeyer, Leiter der Rechtsmedizin Gießen, die auch für Kassel zuständig ist. Das habe zur Folge, dass die Rechtsmediziner zwar bei Todesfällen, aber oft nicht bei Straftaten wie Körperverletzung und Vergewaltigungen involviert würden.

Das gehe mitunter auf Kosten der Opfer sowie der Rechtssicherheit und könne mehr Berufungen und Revisionen zur Folge haben.

Polizei und Staatsanwaltschaft würden die Rechtsmedizin „aus Rücksichtnahme“ oft nicht verständigen. „Für das Notwendigste ruft man uns, nicht für das Wünschenswerte“, sagt Dettmeyer, der auch Vizepräsident des Berufsverbandes Deutscher Rechtsmediziner ist. Das sei aber ein bundesweites Problem und nicht nur ein Kasseler.

Bislang war eine Ärztin mit einer halben Stelle für Kassel zuständig. Bis Ende des Jahres wird sie noch von Prof. Klaus-Steffen Saternus (73) unterstützt. Eine weitere Ärztin wird ab 2014 in Kassel arbeiten - ebenfalls mit einer halben Stelle. Laut Dettmeyer ist eine Stelle in der Rechtsmedizin für den Großraum Kassel aber zu wenig. Als Minimum brauche man zwei Stellen.

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„Wir schreiben rote Zahlen. Mit Mord, Totschlag, Kindesmissbrauch und Trunkenheitsfahrten kann man kein Geld verdienen.“ Die Rechtsmedizin wird über den Wissenschaftsetat der Universitäten finanziert. Zudem sei es sehr schwierig, Nachwuchskräfte zu finden. Das liege nicht daran, dass junge Ärzte kein Interesse an dem Fach hätten. Im Gegenteil, die Nachfrage sei groß. Allerdings fehlten Planstellen für Assistenzärzte, was in 15 Jahren fatale Folgen für die Institute haben könnte.

Dem Vernehmen nach haben Ermittler bereits früher kritisiert, dass die Rechtssmedizin in Kassel unterbesetzt ist. Kriminalhauptkommissar Helmut Wetzel, Leiter des K 11, sagt hingegen, dass er noch nie von der Rechtsmedizin im Stich gelassen worden sei, wenn er sie benötigt hat.

Hintergrund: Mittlerweile 380 Euro für Obduktionen

Dass mit der Rechtsmedizin nicht viel Geld zu verdienen ist, wird an dem Beispiel Obduktion deutlich.

Eine Obduktion dauert bis zu zehn Stunden. Bis August dieses Jahres wurde nach dem Justizentschädigungsgesetz für eine forensische Obduktion eine Pauschale von 195 Euro berechnet. Seitdem gibt es eine Entschädigung von immerhin 380 Euro. Laut Prof. Reinhard Dettmeyer müsste sein Institut eigentlich 1200 Euro für eine Obduktion berechnen, um die Kosten dafür zu decken.

In Kassel finden die Obduktionen, die immer von der Staatsanwaltschaft veranlasst werden müssen, im Klinikum Kassel statt. Dafür werden Räumlichkeiten am Institut für Pathologie angemietet. Bei der Obduktion durch Rechtsmediziner ist immer ein Kriminalbeamter beziehungsweise Staatsanwalt anwesend.

"Viel zu wenig klinische Obduktionen"

Die amtliche Sterbestatistik sei das Papier nicht wert, auf dem sie geschrieben sei. "30 bis 70 Prozent der Todesursachen, die auf Leichenschauscheinen stehen, sind falsch", sagt Dr. Markus Schimmelpfennig, stellvertretender Leiter des Gesundheitsamtes.

Nach Ansicht von Schimmelpfennig, der auch für die amtlichen Leichenschauen zuständig ist, finden in Deutschland - von den forensischen Obduktionen abgesehen, die zur Aufklärung eines nicht natürlichen Todes dienen sollen - viel zu wenig klinische Obduktionen statt. Die Obduktionsquote nach einem natürlichen Tod liege zwischen einem und drei Prozent. Dabei dienten klinische Obduktionen der Qualitätssicherung, indem sie Aufschluss über Krankheitsverläufe und somit auch für den medizinischen Fortschritt liefern würden. Die Obduktionsrate sei so gering, weil die Krankenhäuser für die Kosten aufkommen müssten, sagt Schimmelpfennig. Die Zusatzkosten würden nicht von den Fallpauschalen gedeckt. Die geringe Anzahl an Obduktionen sei für ein reiches Land wie Deutschland ein Armutszeugnis.

Ebenso wie die knappen Mittel für die Rechtsmedizin. "Ich bin der Meinung, der Staat muss zum Schutz der Bürger sowohl für eine gut ausgestattete Rechtsmedizin als auch für eine gut ausgestattete Polizei sorgen", sagt Schimmelpfennig.

Von Ulrike Pflüger-Scherb

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