Ärzte versuchen, Tatverlauf zu rekonstruieren

Rechtsmediziner: Auf der Suche nach Wahrheit

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Nur ein Arbeitsplatz für Rechtsmediziner: Dieser Raum im Institut für Pathologie am Klinikum Kassel wird für Obduktionen angemietet. Rechtsmediziner untersuchen nicht nur Leichen, sondern auch Opfer, die überlebt haben und Tatverdächtige.

Kassel. Rechtsmediziner werden oft nur mit Mord und Totschlag in Verbindung gebracht. Dass ihre Arbeit aber auch dazu dienen soll, Körperverletzungen aufzuklären, das sei vielen Menschen nicht bewusst.

Das sagen die beiden Rechtsmediziner Prof. Reinhard Dettmeyer, Leiter der Gießener Rechtsmedizin, und der Rechtsmediziner Prof. Klaus-Steffen Saternus, der sich am privaten Institut für Pathologie Nordhessen Räume angemietet hat.

Beide Rechtsmediziner vertreten im Gespräch mit der HNA die Ansicht, dass sie nicht häufig genug nach einer Straftat mit lebenden Opfern eingeschaltet werden: weder von Ermittlern und Kliniken noch von niedergelassenen Ärzten. Die Kriminalpolizei schalte die Rechtsmedizin natürlich bei Kapitalverbrechen ein.

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Rechtsmedizin: Sparen auf Kosten der Opfer

Bei zahlreichen Körperverletzungen würden die Rechtsmediziner aber erst im Gerichtssaal mit den Verletzungen der Opfer konfrontiert, sagt Dettmeyer. Zum Teil müssten sie sich dann die Verletzungen auf schlechten Handyfotos anschauen, die von Angehörigen gemacht worden sind. Das könne auf Kosten der Wahrheit gehen. Die Gefahr, das Urteile gekippt würden, steige.

Wenn ein Opfer oder ein Tatverdächtiger zeitnah von Rechtsmedizinern untersucht würden, dann habe das viele Vorteile, um den Ablauf einer Tat zu rekonstruieren. „Wir untersuchen jede Schramme und jede Hautabwetzung“, sagt Saternus. „Das erhöht auch die Glaubwürdigkeit der Opfer.“ Besonders bei dem Vorwurf der Vergewaltigung sei eine rechtsmedizinische Untersuchung, die immer berührungsfrei erfolge, von Relevanz. „Wir sind neutral und stellen Befunde fest. Die Schlüsse ziehen dann die anderen“, sagt Saternus.

Die beiden Rechtsmediziner machen den Ermittlern keinen Vorwurf, dass sie nicht oft genug eingeschaltet würden. „Die Kripo weiß um unsere Belastbarkeit“, sagt Dettmeyer. An der Gerichtsmedizin Gießen, die für die Landgerichtsbezirke Kassel, Fulda, Marburg, Limburg und Gießen zuständig sei, arbeiteten fünf Ärzte. Hinzu komme die eine Stelle in Kassel.

Wünschen sich mehr Stellen in der Rechtsmedizin: (von links) Prof. Reinhard Dettmeyer und Prof. Klaus-Steffen Saternus.

Ein großes Problem sei, dass es zu wenig Assistenzstellen gebe, um den Nachwuchs auszubilden. „Am Ende ist es eben eine politische Entscheidung, was sich der Staat die Rechtssicherheit kosten lässt“, sagt Dettmeyer.

Dass rechtsmedizinische Institute sich in finanziellen Schwierigkeiten befinden sei auf ein strukturelles Problem zurückzuführen. „Wir unterstehen drei Ministerien: Dem Wissenschaftsministerium, dem Justizministerium und der dem Innenministerium. Und in der Theorie sagt uns jedes Ministerium volle Unterstützung zu“, sagt Dettmeyer.

„Freiheit der Lehre“

In der Praxis wird die Rechtsmedizin aber über den Wissenschaftsetat der jeweiligen Universitäten finanziert. Darin sieht der Gießener Mediziner aber auch einen Vorteil. „Wir profitieren von der Freiheit der Lehre. Wir sind als Sachverständige komplett unabhängig. Unsere Arbeit ist ein Beitrag zur Wahrheitsfindung.“

Von Ulrike Pflüger-Scherb

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