Klaus-Steffen Saternus hört nach 46 Jahren mit dem Obduzieren auf

Rechtsmediziner: „Kein Grusel wie im Krimi“

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Er wurde auch der Quincy von Nordhessen und Südniedersachsen genannt: Künftig wird sich Prof. Klaus-Steffen Saternus auf rechtsmedizinische Gutachten konzentrieren. Aus Altersgründen will er keine Obduktionen mehr vornehmen.

Kassel. Seit 1989 war er an der Aufklärung so gut wie jedes Kapitalverbrechens in Kassel und Umgebung beteiligt: Der Rechtsmediziner Prof. Klaus-Steffen Saternus. Der 73-Jährige war bis 2007 Leiter des rechtsmedizinischen Instituts Göttingen. Seitdem arbeitet er in Kassel mit dem privaten Institut für Pathologie  Nordhessen zusammen.

In Auftrag der Staatsanwaltschaft Kassel hat Saternus immer noch Obduktionen vorgenommen. Aus Altersgründen will er Ende des Jahres aufhören.

Herr Prof. Saternus, Sie haben 1968 nach zwei Jahren als Medizinalassistent als Rechtsmediziner angefangen. Wie viele Leichen haben Sie in den knapp 46 Jahren obduziert?

Prof. Klaus-Steffen Saternus: Ich habe nie von Leichen gesprochen, sondern immer nur von toten Menschen, um den Respekt nicht zu verlieren. Ich denke, dass ich im Schnitt pro Jahr 100 Tote obduziert habe. Da kommen knapp 5000 Obduktionen zusammen.

Hat sich im Laufe der Jahrzehnte das Gefühl, das Sie bei ihrer Arbeit haben, geändert?

Saternus: Bei meiner ersten Obduktion habe ich einen Schrecken bekommen, weil ich nicht darauf vorbereitet war. Das war 1963 und ich war noch Student. Völlig unvermittelt wurde bei einer Vorlesung in der Pathologie ein Toter obduziert. Im Laufe der Jahre habe ich natürlich einen professionellen Abstand zu meiner Arbeit gefunden. Das bedeutet aber nicht, dass man abstumpft. An manche Gerüche gewöhnt man sich nie. Die muss man einfach in Kauf nehmen, um seine Arbeit erledigen zu können.

Sie sind regelmäßig mit dem Tod konfrontiert worden. Wie haben Sie das verarbeitet?

Saternus: Ich habe nie etwas auf mich selbst oder meine Familie bezogen. Die Rechtsmedizin ist ja auch nicht das einzige medizinische Fach mit Belastung. Bei meiner Arbeit geht es nur darum, die Todesursache zu klären. Das hat mich aber nicht daran gehindert, dass ich immer Mitleid mit den Angehörigen hatte.

Haben Sie Verständnis dafür, dass viele Menschen eine Abscheu vor Obduktionen haben und dies für ihre verstorbenen Angehörigen ablehnen?

Saternus: Ja. Die Ablehnung gegenüber Obduktionen liegt auch an der scheußlichen Darstellung in den Medien. In den Krimis, in denen Rechtsmediziner vorkommen, soll damit nur Grusel verbreitet werden. Bei uns läuft die Arbeit ohne Sprüche wie in den Krimis ab. Ich wüsste nicht, wie man bei einer Obduktion Witze machen kann. Dafür gibt es keinen Raum. Zudem ist es für die Angehörigen wichtig, dass die Toten so hergerichtet werden, dass sie sich körperlich von ihnen verabschieden können.

Ist das nicht immer möglich?

Saternus: Nein. Im Klinikum Kassel können die Angehörigen die Toten nach einer Obduktion nur in einer Art Schneewittchensarg mit einer Plexiglashaube sehen. Der Raum ist würdig und das Klinikum meint, den Angehörigen damit einen Dienst zu erweisen. Ich sehe das anders. Man kann den Menschen nicht verweigern, die Verstorbenen zu umarmen. Das Verwehren des körperlichen Abschiednehmens erweckt bei vielen auch Misstrauen. Wenn sie die Toten umarmen, können die Angehörigen auch die Nähte spüren. Dann können sie sich davon überzeugen, dass wir ganz fein nähen und großen Wert auf Ästhetik legen.

Sie haben 25 Jahre für die Kasseler Kriminalpolizei gearbeitet. Hat es für Sie einen Unterschied gemacht, ob ein Mensch an einem Gewaltverbrechen oder an einer Krankheit gestorben ist?

Saternus: Nein. Ich rede aber auch nicht gern über die Kriminalfälle. Mit solchen Sachen sollte man nicht hausieren gehen. Es war immer klar, dass ich darüber schweige, was ich an einem Tatort gesehen habe.

Wollten Sie nie in einem Krankenhaus den Lebenden helfen?

Saternus: Ursprünglich wollte ich Orthopäde oder Neurologe werden. Am Anfang habe ich als Arzt in einer großen Unfallklinik in Nordrhein-Westfalen gearbeitet. Die Art der Entscheidungen hat mir dort aber nicht gefallen. Es gab dort zu viel Unschärfe in der Diagnostik. Deshalb bin ich Rechtsmediziner geworden. Aber ich hatte immer Fluchttendenzen und deshalb auch sechs klinische Stellen. Aber letztlich konnte ich mich von den Forschungsprojekten in der Rechtsmedizin, wie zum Beispiel den Plötzlichen Kindstod, nicht losreißen.

Kämpfer gegen Plötzlichen Kindstod

Ab Mitte der 60er Jahre starben außergewöhnlich viele Säuglinge (bis zum ersten Lebensjahr) am Plötzlichen Kindstod. Der Rechtsmediziner Prof. Klaus-Steffen Saternus war der erste, der nachgewiesen hat, dass der Plötzliche Kindstod mit der Bauchlage von Säuglingen zusammenhängt. Eine Erkenntnis, mit der sich der Mediziner am Anfang in der Ärzteschaft nicht nur Freunde gemacht hat.

Saternus war damals in der Rechtsmedizin in Köln und sein Oberarzt war zu der Erkenntnis gelangt, dass der Plötzliche Kindstod nicht im Zusammenhang mit der Bauchlage steht. Saternus bezweifelte diese Theorie. Zumal eine Befragung von 300 Eltern durch einen Kölner Kinderarzt damals ergeben hatte, dass nur 40 Prozent aller Säuglinge auf den Bauch gelegt werden. Aber 80 Prozent aller Babys, die daran gestorben waren, waren in der Bauchlage gewesen.

Von seiner Tätigkeit als Traumatologe wusste er um die Strömungsverhältnisse in der Wirbelsäule. Bei der Obduktion eines toten Säuglings hatte er festgestellt, dass der Blutfluss in den Gefäßen in der Bauchlage gedrosselt wird.

"Wenn ein Säugling am Plötzlichen Kindstod stirbt, dann kommen viele ungünstige Faktoren zusammen. Das kann zum Beispiel auch eine genetische Disposition sein", sagt Saternus "Die Bauchlage ist aber der wichtigste Faktor."

Viele Kollegen hätten ihm vorgeworfen, mit seiner im Jahr 1982 veröffentlichten Theorie die Eltern zu verängstigen. "Als meine Frau 1983 unseren Sohn geboren hat, wurde sie von einer Kinderärztin in Köln deshalb regelrecht beschimpft." In der Kölner Klinik wurden die Säuglinge weiterhin auf den Bauch gelegt. Nur über dem Bett seines Sohnes habe ein Schild mit der Anweisung "Kind Saternus nicht auf Bauch legen" gehangen. International habe sich seine Theorie schneller als in Deutschland durchgesetzt.

Mit seinem Wissen hat Saternus vielen Eltern, deren Kinder am Plötzlichen Kindstod gestorben waren, durch Aufklärung und Gespräche bei der Trauerbewältigung geholfen.

Der Rechtsmediziner berichtet von einem Fall im Raum Kassel. Der Hausarzt hatte nach dem Tod des Babys einen nicht natürlichen Tod attestiert. Das habe der Bestatter mitbekommen, plötzlich hätten viele Menschen in dem Ort gemutmaßt, dass das Kind durch Fremdverschulden gestorben sei. "Das war für die Eltern, die ohnehin schon in tiefer Trauer waren, schrecklich", sagt Saternus.

Bei der Obduktion stellte er fest, dass der Säugling am Plötzlichen Kindstod gestorben war, die Eltern also keine Schuld traf. Saternus lud daraufhin die gesamte Stillgruppe samt Hausarzt in den Gemeindesaal ein, um die Öffentlichkeit über die wahren Hintergründe des Todes aufzuklären. "Zum Schluss hat sich der Hausarzt bei den Eltern entschuldigt."

Zur Person

Klaus-Steffen Saternus  (73) wurde 1940 in Neustettin (Hinterpommern) geboren. Im Zweiten Krieg flüchtete die Familie zu Verwandten nach Schleswig-Holstein. Saternus, dessen Vater auch Arzt war, wuchs später in verschiedenen Städten auf. Er studierte Medizin in Köln. Nach dem Studium arbeitete er in Köln, Hamburg und Berlin, bevor er Leiter des rechtsmedizinischen Instituts in Göttingen wurde. Seit 2007 arbeitet der Rechtsmediziner in Kassel mit dem privaten Institut für Pathologie in Nordhessen zusammen. Saternus ist verheiratet, das Paar lebt in Göttingen und hat zwei Kinder: einen 30-jährigen Sohn und eine 26-jährige Tochter.

Von Ulrike Pflüger-Scherb

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