Reges Leben über den Gräbern

Kassels Friedhöfe sind Naturoasen – Nur an wenigen anderen Stellen im Stadtgebiet gibt es mehr Arten

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Wie eine Parkanlage mutet der Hauptfriedhof an vielen Stellen an. Er bietet Lebensräume für viele Tier- und Pflanzenarten.

Kassel. Auf der einen Seite Lärm, Abgase und Beton – auf der anderen alte Bäume, grüner Rasen und dichte Hecken. Der Hauptfriedhof ist eine Naturoase inmitten der Nordstadt. Viele der 14 Friedhöfe in Kassel erweisen sich als Naturperlen inmitten der Stadt – mit erstaunlicher Artenvielfalt bei Tieren und Pflanzen.

„Im Grunde müssten alle Friedhöfe unter Naturschutz gestellt werden“, sagt der Vogelkundler Herbert Teubert. „Nur leider geht das nicht.“

Montagfrüh, 10 Uhr, Hauptfriedhof, Eingang Auferstehungskirche. Teubert hat schon eine Sumpfmeise gesichtet, von weitem ist der lachende Ruf des Grünsprechtes zu hören, und direkt über den Köpfen turnt ein Kleiber im Geäst einer alten Eiche.

Über 30 Vogelarten

„Weit über 30 Vogelarten kommen hier auf dem Hauptfriedhof vor“, sagt Teubert. Die Luft ist erfüllt von Vogelgezwitscher. Buch- und Grünfink, Grau- und Trauerschnäpper, Kohl- und Blaumeise wechseln sich mit Rufen ab.

„Die vielen Vogelarten sind der Beleg dafür, dass Natur hier noch funktioniert“, sagt der ehemalige Lehrer, der seit zehn Jahren auf dem Hauptfriedhof vogelkundliche Führungen anbietet. „Jede Vogelart hat andere Lebensgewohnheiten und Nahrungsvorlieben. Diese Vielfalt muss ein Lebensraum erst einmal bieten.“ Der Hauptfriedhof zum Beispiel schaffe das.

Eichen-, Linden- und Ahornalleen, aber auch bis zu 170 Jahre alte Einzelbäume, prägen das 40 Hektar große Areal. Darin verstreute Büsche und Hecken verleihen dem Ganzen den Charme eines großzügig angelegten englischen Gartens. Und zwischendrin immer wieder Freiflächen mit alten und sehr artenreichen Wiesenstücken.

Das sei das Geheimnis, sagt Teubert – viele kleine in sich verschachtelte Lebenräume, in denen zig Tier- und Pflanzenarten ihre Nische finden. „Tatsächlich sind die Friedhöfe Kassels die Orte mit der größten Biodiversität im Stadtgebiet“, sagt Teubert.

Dass das so ist, weiß auch die Friedhofsverwaltung. Sie ist für alle 14 Friedhöfe zuständig. Längst arbeitet sie mit der Uni Kassel zusammen, um auf ungenutzten Parzellen Langzeit-Pflanzexperimente zu starten. „Auch hier geht es um Artenvielfalt auf Rasenflächen, und darum, wie man sie durch richtige Mahd und Pflege erhalten kann“, sagt Jürgen

Werner, stellvertretender Leiter der Friedhofsverwaltung. Auch für ihn steht fest: „Kassels Friedhöfe sind kleine Naturwunder.“

Und das, obwohl auch hier der Mensch ständig präsent ist und laufend pflegt, schneidet und mäht. Tatsächlich zählen Friedhöfe zu den wenigen vom Menschen geprägten Kulturlandschaften, in denen eine größere Artenvielfalt entsteht als zum Beispiel in einem Wald. Würde der Mensch diese Pflege einstellen, ginge all das wieder verloren.

Von Boris Naumann

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