Künstler zielen auf Behörde

Mitarbeiter des Regierungspräsidiums fühlen sich durch Kunstaktion bedroht

An der Wand: Neben den ehemaligen Regierungspräsidenten Oda Scheibelhuber und Lutz Klein haben die Künstler ein Foto des sogenannten Exekutors Amadeus Werner gehängt. Fotos: von Polier/Lohrengel/ nh

Kassel. Unruhe am Kasseler Regierungspräsidium (RP): Dort fühlen sich Mitarbeiter seit vier Wochen gezielt unter Druck gesetzt, bedroht und drangsaliert – im Dienste der Kunst.

In dem Behördenbau am Steinweg findet die Kunstausstellung „Interventionen“ statt. Die jungen Künstler intervenieren nach Strich und Faden: Von den Beamten und Angestellten des RP werden Mitarbeiterprofile samt Haarproben angelegt und kontrolliert, ob Beamte ordnungsgemäß parken. Wenn Mitarbeiter sich weigern, bestimmte Facebook-Seiten anzuklicken und einen Bildschirmhintergrund mit herausfordernden Zitaten von Kollegen einzurichten, werden sie bestraft. Einigen Mitarbeitern wurde auch auferlegt, die Presse über die Vorgänge zu informieren.

Das System Bürokratrie

Bürokratrie heißt das Gesamtkunstwerk. Dabei soll getestet werden, wie das RP auf das hierarchische und dominante System Bürokratrie reagiert. „Der Titel setzt sich zusammen aus Bürokratie und Psychiatrie und umschreibt eine wahnhafte Ausführung bürokratischer Vorstellungen“, sagt Künstlerin Isabel Paehr. Ihre Aktion spaltet die Mitarbeiter. Obwohl es Kunst ist, fühlen sich einige sogar bedroht. „Wir haben keine Möglichkeit, uns zu weigern, ohne damit konfrontiert zu werden“, sagt eine Mitarbeiterin. Auch Kunst müsse Grenzen haben. „Wir finden das alles sehr merkwürdig.“

Merkwürdig finden die Mitarbeiter offenbar vor allen Dingen Amadeus Werner. Der Mann im Anzug arbeitet Isabel Paehr zu, setzt Anweisungen durch, die Paehr aus der Ferne gibt. Innerhalb der Aktion wird er nur Exekutor genannt. Mit Klemmbrett unter dem Arm befragt er in rüdem Ton Mitarbeiter, wie sie zu Kunst stehen, nimmt Haarproben und erteilt Anweisungen. Wenn bestimmte Aufgaben nicht ordnungsgemäß erledigt werden, klebt Exekutor Werner rote Kreuze an die Türen derjenigen, die sich geweigert haben. Außerdem wird er bei dem Zusammentreffen mit den Mitarbeitern gefilmt, die Videos der Konfrontationen veröffentlicht die 22 Jahre alte Künstlerin Paehr dann auf einer Internetseite.

Bei diesen Konfrontationen habe es zum Teil auch verbale Auseinandersetzungen gegeben, sagt Paehr. Diese Reaktionen seien für sie nicht vorhersehbar gewesen. Ein Mitarbeiter habe gedroht: „Wenn Sie noch einmal Ihren Kopf durch meine Tür stecken, verpasse ich Ihnen ein blaues Auge.“ Andere sagten: „Sie können so nicht mit Menschen umgehen.“ Werners Konterfei hängt im ganzen Haus verteilt, darunter steht Exekution geschrieben. Ein bedrohliches Wort, das aber hier eher für seinen ursprünglichen Sinn steht: Durchführung.

Pressesprecher Michael Conrad plädiert dafür, sich bei dieser Aktion selbst zu hinterfragen. „Es ist natürlich eine Arbeit, die mit Hierarchien spielt und uns als Behörde den Spiegel vorhält.“

Weitere Informationen gibt es unter www.bürokratrie.de

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