Prof. Ulf Hahne: Nordhessens Tourismus muss sich auf den Klimawandel einstellen

Region braucht neue Ideen

Winterparadies: Mit der Werbung für vier Monate lang Skifahren und Rodeln könnte es im Zuge des Klimawandels für den Wintersportort Willingen in Nordhessen bald vorbei sein. Doch es gibt neue Chancen. Archivfoto: Löwer/nh

Kassel. Der Klimawandel ist für den Tourismus in Nordhessen eine große Herausforderung, denn keine Branche ist so stark vom Wetter abhängig wie er. Die Wetterbedingungen werden für die Branche einschneidende Veränderungen mit sich bringen: Das Skiparadies Willingen etwa wird voraussichtlich seine Gäste nicht mehr mit 120 Tagen Schnee anlocken können.

„Die Konsequenz heißt schon heute: Willingen profiliert sich als Ganzjahresziel“, sagt Prof. Ulf Hahne (Ökonomie der Stadt- und Regionalentwicklung) von der Uni Kassel. Im Rahmen des Klimzug-Projekts untersucht er die Veränderungen für den Tourismus und entwickelt gemeinsam mit dem Regionalmanagement Nordhessen neue Strategien.

Das Thema sei für die Region deswegen wichtig, weil der Tourismus eine wichtige Wertschöpfungs- und Beschäftigungsrolle einnehme, sagt Hahne. Der Bruttoumsatz der Branche liege bei über 600 Mio. Euro, circa 17 000 Arbeitsplätze hingen direkt und indirekt vom Tourismus ab.

Die Wissenschaftler rechnen mit einer höheren Jahresdurchschnittstemperatur von 1,5 bis 2 Grad in unserer Region. Das Frühjahr beginnt früher, der Herbst dauert länger, und im Sommer kann es zu Hitzestress kommen. Extreme Temperaturschwankungen werden normal sein.

Für die Hotels und Pensionen bedeutet das: Sie müssen sich auf sehr viel kurzfristigere Buchungen einstellen, ein neues Marketing entwickeln und mit Notplänen auf unvorhergesehene Wetterereignisse reagieren. Und Wanderfreunde wie Radler benötigen mehr Unterstände zum Schutz vor der Wetterlage.

Bei den Beherbergungsbetrieben wird Hahne viel Überzeugungsarbeit leisten müssen. Denn eine Konsequenz könnten klimafreundliche Urlaubsangebote sein. „Es gibt immer mehr Gäste, die darauf setzen“, sagt Hahne. Mit einem guten Energiekonzept und Erzeugnissen aus der Region könne sich eine neue Zielgruppe angesprochen fühlen. Ältere Menschen und allein Reisende hat der Wissenschaftler dabei im Visier. Auch die regionale Küche zu etablieren, sei eine gute Idee. „Andere Regionen leben von ihrem kulinarischen Ruf.“

Gutes ÖPNV-System

Verkehrstechnisch könne Nordhessen durch seine Mitte-Deutschland-Lage und einem vorbildlich ausgestatteten ÖPNV-System für einen Urlaub der besseren Umwelt wegen werben. Und die nordhessischen Wälder könnten im Hitzestress als Hort der Kühlung beworben werden.

Hahne ist sich sicher: Kassel als kulturelles Zentrum und die Brüder Grimm als Zugpferd brächten eine einzigartige Verknüpfung der Kulturlandschaft mit der reichhaltigen Natur. Doch noch fehlt den Forschern das Wissen über die Gäste. In Waldeck-Frankenberg mit mehr als einer Million Übernachtungen erbrachte eine Gästebefragung Überraschendes: Der Wassersport war nur für 20 Prozent der Befragten wichtig - obwohl man hätte erwarten können, dass der Edersee ein großer Anziehungspunkt ist. Umso mehr wurden große Einkaufszentren vermisst. Der Gast - das unbekannte Wesen.

Von Beate Eder

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.