Rehaklinik statt Anklagebank: 35-Jähriger zur Therapie im Schwarzwald

Prozess um Marihuana-Plantage geplatzt

Kassel. Untergetaucht? Nein, ordnungsgemäß abgemeldet. Weil weder Gericht noch Verteidiger bemerkt hatten, dass der Angeklagte längst aus Kassel weggezogen ist, ist am Mittwoch der Drogenprozess gegen einen 35-Jährigen vor dem Kasseler Amtsgericht geplatzt.

Dem Mann wird zur Last gelegt, in seiner Wohnung in Bettenhausen Marihuana angebaut zu haben: Im Juni 2013 soll die Polizei bei ihm eine Plantage mit stolzen 85 Hanfpflanzen entdeckt haben - zufällig, wie Richter Klaus Döll erzählt. Eigentlich hätten sich die Beamten für die Nachbarwohnung interessiert. Aber als ihnen im Haus einschlägige Düfte entgegen schlugen, sei ihre Aufmerksamkeit geweckt worden.

„Ich bin froh, dass Sie da waren“, soll der Mann den Polizisten damals gesagt haben. „Ich hoffe, dass es mir hilft, damit aufzuhören.“ Und überhaupt seien die Geschäfte nicht so gut gelaufen wie erhofft: zu viel Arbeit, zu wenig Profit. Einen Tag später soll der 35-Jährige es sich dann jedoch anders überlegt und beim Polizeipräsidium über die Durchsuchung beklagt haben.

Die Staatsanwaltschaft hat ihn wegen „Handeltreibens mit Betäubungsmitteln in nicht geringer Menge“ angeklagt. Doch zur Verhandlung erschien der Mann nicht. Weil er, wie sich herausstellen sollte, nichts davon wusste.

Im Januar war ihm zwar die Ladung zum Gerichtstermin zugestellt worden - aber nicht persönlich, sondern „durch Niederlegung“, wie es im Juristendeutsch heißt. Sprich: der Postbote steckte ihm den Brief in den Briefkasten. In Kassel. Und auch der Verteidiger schrieb seinem Mandanten bis zuletzt an die Kasseler Adresse. Offenbar ohne sich zu wundern, dass er nie Antwort bekam.

Des Rätsels Lösung fand sich schließlich im Einwohnermelderegister - wenn auch erst, nachdem die Polizei von Richter Döll vergeblich nach Bettenhausen geschickt worden war, um den Angeklagten zu holen. Der Mann, so stellte sich heraus, lebt bereits seit Dezember im Schwarzwald. In einer Reha-Einrichtung für Drogenabhängige.

Das Gericht muss nun einen neuen Verhandlungstermin festsetzen. Und weiß jetzt immerhin, wohin es die Ladung zu schicken hat. (jft)

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