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Kasseler Forscher untersuchen nachhaltiges Lernen

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Von: Claudia Feser

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Studentin lernt zuhause und blättert in ihren Unterlagen.
Nachhaltig lernen: Reines Auswendiglernen ohne die Inhalte zu verstehen, hilft nicht, um Wissen langfristig abrufen zu können. © Franziska Gabbert/DPA

Viele kennen das: Schnell noch vor der Prüfung büffeln – und nach der Prüfung ist das Gelernte schnell vergessen.

Kassel – Ein neues Forschungsprojekt unter Beteiligung der Universität Kassel beschäftigt sich mit dem nachhaltigen Lernen. Eine der mitarbeitenden Wissenschaftlerinnen ist die Entwicklungspsychologin Prof. Dr. Mirjam Ebersbach.

Warum ist langfristiges Lernen so wichtig in Zeiten von Handys, mit denen man alles googeln kann?

Natürlich kann man vieles im Handy schnell nachsehen. Aber es gibt Momente im Leben, wo langfristiges Wissen abgerufen werden muss. Ein Arzt kann im OP nicht am Handy nachsehen, wie die Anatomie des Körpers funktioniert. Vorwissen zu haben, ist eine gute Basis fürs weitere Lernen, weil Vorwissen es uns ermöglicht, neue Informationen mit bereits bestehendem Wissen zu verknüpfen.

Wie lernt man richtig?

Das ist abhängig davon, ob es darum geht, nur kurzfristig etwas zu lernen, um zum Beispiel eine Klausur zu bestehen, oder ob man sich Wissen langfristig aneignen will. Es gibt verschiedene Prinzipien für langfristiges Lernen, die sich als effektiv erwiesen haben. Allerdings wurden die Studien meist im Labor mit einfachen Lernmaterialien durchgeführt. Unsere bisherige Forschung hat gezeigt, dass man die Prinzipien nicht einfach auf das Lernen in der Schule übertragen kann. Hier herrschen ganz andere Bedingungen, und die Lernmaterialien sind komplexer.

Beim neuen Forschungsprojekt geht es um Schüler. Sie wollen Empfehlungen ableiten, wie Lernen und Unterricht in der Schule gestaltet werden sollte, um nachhaltiges Wissen zu schaffen. Wie gehen Sie vor?

Wir verknüpfen die Lernprinzipien, die sich im Labor als effektiv erwiesen haben, mit Maßnahmen, die eine tiefere Verarbeitung der Lerninhalte fördern. Denn das reine Auswendiglernen, ohne dass man die Inhalte verstanden und mit Sinn erfüllt hat, bringt langfristig nicht viel.

Welche Lernprinzipien helfen dabei?

Es gibt zum Beispiel das Lernprinzip des Testens. Dabei liest man Lerninhalte nicht wiederholt durch, sondern liest sie zum Beispiel einmal und wird dann abgefragt. Es gibt also einen Test schon während der Lernphase, nicht erst zur Prüfung. Viele kennen das Vorgehen sicher vom Vokabellernen. Eine tiefere Verarbeitung kann hier angeregt werden, indem man zum Beispiel eine Zeichnung des Textinhaltes anfertigt oder man sich Beispiele überlegt, die zum Gelesenen passen.

In Ihrer Projektgruppe beschäftigen Sie sich mit dem „verteilten Lernen“ – was ist das?

Beim verteilten Lernen verteilt man die Lernzeit auf mehrere Sitzungen statt den Lernstoff in einer Sitzung zu lernen. Die gesamte Lernzeit bleibt dabei gleich. Man paukt den Stoff also nicht am Stück kurz vor einer Klausur, was zwar kurzfristig effektiv ist, aber das langfristige Behalten nicht fördert.

Sie forschen auch zu „verschachteltem Lernen“ – was ist damit gemeint?

Dabei geht es darum, wie zwei verschiedene Inhalte gelernt werden, die ähnlich und doch unterschiedlich sind. In einer klassischen Studie im Labor mussten Malstile von Malern gelernt werden. In einer Bedingung haben die Versuchspersonen zum Beispiel zehn Bilder von Maler A gesehen und dann zehn Bilder von Maler B. Das nennt man geblocktes Lernen: wenn zuerst ein Inhalt gelernt wird und danach der andere. In der verschachtelten Lernbedingung haben die Versuchspersonen die Bilder von Maler A und Maler B abwechselnd gesehen. Sie konnten also vergleichen, was die Bilder und damit die Malstile unterscheidet. In der verschachtelten Bedingung waren die Versuchspersonen später besser, Bilder den Malern zuzuordnen. Meine Kollegen werden das Prinzip des verschachtelten Lernens im Fach Mathematik in der Grundschule erforschen.

Während des Forschungsprojekts arbeiten Sie auch in den Schulen – warum?

Weil es viele Studien zum Lernen mit Erwachsenen im Labor gibt. Die Erwachsenen sitzen dabei einzeln im Raum, es gibt keinen Lärm, und sie sind absolut auf die Aufgaben konzentriert. Aber wir wollen wissen: Wie wirken sich die Lernprinzipien im realen Unterricht aus? Dort lernen die Schüler komplexere Inhalte in Gruppen, es gibt Lärm in den Klassen. Mit unseren Ergebnissen wollen wir Lehrkräften Empfehlungen geben, die auch in der Praxis wissenschaftlich überprüft sind.

Mit welchen Schulen arbeiten Sie beim Forschungsprojekt zusammen?

Wir haben bereits Kontakte zu verschiedenen Schulen in und um Kassel. Wir freuen uns aber, wenn noch weitere teilnehmen, weil wir große Schülerzahlen benötigen. Der Aufwand für die Schulen wird so gering wie möglich sein, die Studien führen wir selber durch, und der Unterricht soll so wenig wie möglich gestört werden. Interessierte Schulen können sich gerne unverbindlich bei uns melden. Unsere Forschungsgruppe startet im Oktober 2022 und dauert bis Oktober 2026.

Warum gibt es eigentlich bislang wenig Forschung zum nachhaltigen Lernen? Gelernt wird doch schon immer.

Weil es einfacher ist, Versuchspersonen gleich nach der Lernphase zu testen, statt sie nach mehreren Wochen oder Monaten zu testen. Es ist aber relevant zu wissen, wie langfristiges Behalten auch längere Zeit nach der Lernphase aussieht. Wir wollen dies unter realen Bedingungen im echten Lernkontext von Schule erforschen.

Hintergrund: Eine neue Forschungsgruppe will bis 2026 einen Beitrag zur Entwicklung effektiver Lehr-Lernszenarien und einer Theorie des nachhaltigen Lernens in Bildungskontexten leisten. Für das Projekt wurden 4,2 Millionen Euro bereitgestellt, die die Deutsche Forschungsgemeinschaft bewilligt hat. Eine Verlängerung um weitere vier Jahre ist möglich.

Beteiligt sind Forscher der Universitäten Kassel, Bochum, Duisburg-Essen, Freiburg, Gießen, Osnabrück, Passau, Tübingen und der TU München. Die Kasseler Teilprojekte beschäftigen sich unter anderem mit dem Prinzip des „verschachtelten Lernens“ im Fach Mathematik in der Grundschule, mit dem Testungseffekt im Fach Deutsch und dem Effekt der zeitlich verteilten Bearbeitung von Lösungsbeispielen in Mathematik. (Claudia Feser)

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