„Hier sieht man die Auswirkungen, wenn man Klimaschutz nicht ernst nimmt“

Naturflächen sollen den Reinhardswald im Kreis Kassel grüner machen

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So natürlich soll ein Wald aussehen: Die Grünen-Landtagsabgeordneten Frank Diefenbach und Vanessa Gronemann vor einer Hainbuche im Reinhardswald.

Stürme, Trockenheit und Borkenkäfer - all das hat dem Reinhardswald zugesetzt. Die Grüne Vanessa Gronemann ist hier aufgewachsen und will nun mit mehr Naturflächen den Artenschutz erhöhen.

Manchmal bekommt Vanessa Gronemann auf dem Weg in ihren Heimatort Gieselwerder einen Schreck. Vom Wesertal aus blickt die Grünen-Landtagsabgeordnete auf den Reinhardswald und sieht kahle Stellen, die der Orkan Friederike 2018 hineingefräst hat. Im Wald erkennt sie, welche Schäden zwei trockene Sommer und der Borkenkäfer angerichtet haben. „Ich erkenne den Wald kaum wieder, mit dem ich aufgewachsen bin“, sagt die 30-Jährige.

Als Kind hat Gronemann Hessens größtes zusammenhängendes Waldgebiet unter anderem in der Waldjugend entdeckt. Nun ist die Kasselerin in der Landtagsfraktion für Artenschutz zuständig, also auch ein bisschen für den Reinhardswald. Darum wandert sie am Montag mit Mitarbeitern des Forstamts Reinhardshagen und grünen Parteifreunden durch das Olbetal nördlich von Veckerhagen. Hier ist der Reinhardswald noch (oder wieder) so, wie er von Natur aus sein soll.

Reinhardswald: Im Naturwald ist Forstwirtschaft verboten

In diesem Naturwald ist Forstwirtschaft verboten. Umgefallene Bäume bleiben liegen, damit Pilze und Käfer leben können. Je größer die Biodiversität im Wald, desto grüner und gesünder ist er, so der Gedanke. Zehn Prozent des Staatswaldes hat die schwarz-grüne Landesregierung mittlerweile als Wildnisgebiet ausgewiesen.

Im Reinhardswald wurden mehrere Naturwaldsegmente zusammengelegt. Das wollen sich Gronemann und ihr Parteikollege Frank Diefenbach aus dem Odenwald von Experten vor Ort erklären lassen. Dafür ist der Grünen-Sprecher für Wald um 3 Uhr in Michelstadt aufgestanden und hat es bis 9 Uhr allein mit Bus und Bahn bis nach Veckerhagen geschafft.

Hier sollen die Naturwaldflächen entstehen.

Nun lassen sich die beiden Politiker von Fortsamtsleiter Markus Ziegeler die Arbeitsweise erklären: „Wir lassen uns Dinge abnehmen, die die Natur selbst erledigen kann.“ Den Naturschützern vom Nabu reicht das allerdings nicht. Sie monierten zuletzt, dass Hessen beim Wald insgesamt (also auch dem, der Kommunen und Privatbesitzern gehört) sein selbstgestecktes Ziel von fünf Prozent Naturflächen verfehlen werde. Naturschützer kritisieren somit die Grünen, dass sie es mit dem Artenschutz doch nicht so ernst nehmen.

Wie soll der Wald in Zukunft aussehen?

Im Reinhardswald lässt sich am Montag dagegen eine neue Koalition bestaunen: Grüne und Forstleute, die sich in Zeiten von Waldmonokulturen eher fremd waren, betonen, dass man den Natur- nicht gegen den Wirtschaftswald ausspielen dürfe. Denn aus nachhaltigen Buchenwäldern könnten nachhaltige Produkte entstehen.

Damit es auch in Wäldern von Privatbesitzern und Kommunen bald ebenfalls mehr Naturflächen gibt, sollen grüne Stadtverordnete in den Parlamenten entsprechende Anträge stellen.

Wie der Wald der Zukunft aussieht, untersucht Markus Schmidt von der Nordwestdeutschen Forstlichen Versuchsanstalt. Im Reinhardswald zeigt er den Grünen, welchen Lebensraum 230 Jahre alte Buchen für Pflanzen und Tiere bieten. Er sagt, dass es den Buchen an den steilen Weserhängen relativ gut gehe, während die Lage auf dem trockenen Hochplateau ernst sei.

„Hier sieht man die Auswirkungen, wenn man Klimaschutz nicht ernst nimmt“

„Hier sieht man die Auswirkungen, wenn man Klimaschutz nicht ernst nimmt“, sagt Gronemann. Im Reinhardswald muss sie ihre Partei immer wieder gegen Windkraftgegner verteidigen, die „bewusst Unwahrheiten streuen. Wir stehen ständig im Shitstorm“.

Anders als bei der Diskussion über die geplanten Windkraftanlagen im Norden ist es am Montag fast windstill. Fragt man Gronemann am Ende, was sie bei der Wanderung gelernt hat, sagt sie: „Es ist immer noch schön hier.“

Ihr Parteikollege Diefenbach hat auch etwas gelernt. Er fragt den Experten Schmidt besorgt, ob der braune Farn am Wegesrand eine Folge des Klimawandels sei. Nein, sagte der Wissenschaftler, „der Adlerfarn wird im Herbst immer braun. Das ist nichts Bedrohliches.“

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