Ausstellungsort gesucht

Relikt der letzten Kämpfe: Kanonenkugel aus Siebenjährigem Krieg gefunden

+
Vermutlich 1762 abgefeuert: Detlef Wagner von Kasselwasser (von links) übergab die Kanonenkugel, die während der Renaturierung des Geilebachs auftauchte, gestern an Heyne von Dossow, Gaby Rahmann und Gisela Völkel von der Geschichtswerkstatt Jungfernkopf.

Jungfernkopf. Wer heute durch die idyllische Aue am Geilebach zwischen Jungfernkopf und Harleshausen spaziert, vermag sich kaum vorzustellen, dass dort einmal ein Krieg getobt hat.

Doch wo heute Spaziergänger ihre Hunde ausführen, müssen vor gut 240 Jahren Kanonenkugeln durch die Luft geflogen sein. Davon zeugt ein altes Geschoss, das während der Bauarbeiten zur Renaturierung der Geile dort im Erdreich gefunden wurde. Es wurde vermutlich 1762 abgefeuert, als während des Siebenjährigen Kriegs um Kassel gekämpft wurde.

Bevor im vergangenen Herbst die Bagger anrückten, um den Geilebach in dem 500 Meter langen Abschnitt wieder natürlicher zu gestalten (wir berichteten), war das Gelände auf Kampfmittel untersucht worden. Dabei kam viel Metallschrott zutage - und die alte Kanonenkugel. Bei einer Nachfrage erfuhr Projektleiter Detlef Wagner von Kasselwasser eher zufällig von dem historischen Fund – und sicherte die Kugel. Sonst wäre sie vermutlich einfach entsorgt worden.

Auf Nachfrage bei Bezirksarchäologe Dr. Klaus Sippel vom Hessischen Landesamt für Denkmalpflege erfuhr er, dass es sich dabei um Munition aus dem 18. Jahrhundert handelt. Wahrscheinlich sei, dass die Kugel im Siebenjährigen Krieg zum Einsatz kam, als Kassel von den Franzosen besetzt war.

Zwölf Kilogramm schwer

Mit 18 Zentimetern Durchmesser ist die Kanonenkugel etwas kleiner als ein Fußball, bringt aber zwölf Kilogramm auf die Waage. Von Erdresten befreit und abgestrahlt glänzt der Eisenball inzwischen wieder. Im Lauf der Jahrhunderte hat der Rost an der Kugel genagt, die ein wenig aussieht wie ein zerklüfteter Planet im Miniformat. Mit dem Unterschied, dass die Kugel ein Loch hat: Dadurch konnte Pulver in den Hohlraum im Innern gefüllt und mit einer Art Lunte gezündet werden. Auf der gegnerischen Seite sollte das Geschoss dann detonieren.

Das erhaltene Exemplar ist vermutlich ein Kriegsrelikt aus dem Jahr 1762. Im Juni hatten die Truppen des Herzogs Ferdinand von Braunschweig in der Schlacht bei Wilhelmsthal den französischen Gegnern eine entscheidende Niederlage zugefügt. Nach den Verlusten zogen sich die Franzosen nach Kassel zurück. Die Stadt wurde daraufhin von den alliierten Truppen unter Prinz Friedrich von Braunschweig belagert und schließlich im November eingenommen. Auf einem bis heute erhaltenen Belagerungsplan von 1762 sind die Stellungen nördlich des Geilebachs - damals noch als Mombach bezeichnet - aufgeführt. Von dort wurde die Kanonenkugel vermutlich abgeschossen - und versank im Lauf der Jahre immer tiefer im Erdreich.

An dem wieder zutage getretenen historischen Zeugnis meldete der Ortsbeirat Jungfernkopf Interesse an. Gestern wurde die Kanonenkugel Vertretern der Geschichtswerkstatt im Stadtteil übergeben. Für sie der Startschuss, die Zeit des Siebenjährigen Kriegs im Bereich Jungfernkopf, der damals noch nicht besiedelt war, genauer zu erforschen. Zugleich soll überlegt werden, ob und wo man die Kugel im Stadtteil ausstellen könnte. Eine zündende Idee gibt es allerdings noch nicht.

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.