Lebenslang in der Laube

Rentner wohnt seit dem Krieg im Kleingarten

+
Er wohnt seit der Nachkriegszeit im Kleingarten: Fritz Wilke wohnt mit einer Ausnahmegenehmigung seit 1952 auf dem Gelände des Kleingartenvereins Fackelteich.

Kassel. Weil ihm drei Punkte fehlten, lebt Fritz Wilke seit über 60 Jahren in einer Gartenlaube. Die drei Punkte hätte er in einem Heft gebraucht, das die Stadt nach dem Krieg an die Kasseler ausgegeben hatte, um in der Wohnungsnot zuerst die Bedürftigsten mit Unterkünften zu versorgen.

Wilke ging leer aus und zog nach ein paar Jahren in der Wohnung seiner Schwester 1952 in den Kleingartenverein Fackelteich. Dort lebt er – als einer von zwei Kasselern – bis heute mit einer Ausnahmegenehmigung.

Der 83-Jährige, dessen Elternhaus ausgebombt wurde, erinnert sich genau: „In meinem Heft hatte ich 22 Punkte gesammelt. 25 Punkte hätte ich damals für eine Wohnung gebraucht.“ Punkte vergab die Stadtverwaltung etwa für Kinder oder nach einer Heirat.

Die Losung habe also gelautet: „Hilf dir selbst“, sagt der ewige Kleingärtner. Seine Mutter war im Krieg gestorben, der Vater noch ein paar Jahre in Gefangenschaft. Er selbst hatte als Helfer der Hitlerjugend die Panzerfaust in den Wald geworfen, noch bevor die Alliierten einrückten.

Auf der Suche nach einer Bleibe bewarb er sich um eine Parzelle im Verein Fackelteich, der sich zwischen Platz der Deutschen Einheit und Buga erstreckt. „Bevor mir der Vereinsvorsitzende ein Grundstück gab, musste ich Arbeitsdienst auf dem Gelände verrichten. “

Kurz nachdem der Halbwaise ein Dach über dem Kopf hatte, heiratete er. „Weil mir Trauzeugen fehlten, sprach ich auf der Königsstraße spontan zwei Männer an.“ Von seinen vier Töchtern, eine ist inzwischen gestorben, wurden zwei im Kleingarten geboren.

Was aus der Not entstanden war, wurde für die Familie zur Heimat. Immer wieder erweiterte Wilke, der als Fernfahrer arbeitete, seine Häuschen. Heute besteht sein Refugium aus zwei aneinandergebauten Lauben, die 80 Quadratmeter Platz bieten. Von innen sieht es fast so aus wie in einem richtigen Haus: Sofagarnitur, Wandschrank, rustikale Einbauküche. Geheizt wird mit Holz. Die Jahrespacht ist mit 306 Euro unschlagbar.

„Was sich der Fritz gebaut hat, wäre heute nicht mehr erlaubt. Lauben dürfen nur 24 Quadratmeter groß sein“, sagt Vereinsvorsitzender Michael Zaun. Weil sich die Familie dauerhaft auf dem Gelände niederließ, gab es bis in die 1980er-Jahre Streit mit der Stadt. „Die wollte uns rausklagen. Mich kriegt hier keiner raus“, sagt Wilke. Dabei hatte er sogar einmal eine Wohnung angemietet. Da wollte seine Frau aber nicht mehr ausziehen.

Heute lebt der 83-Jährige mit seinem Yorkshire „Baby“ allein. Seine Frau ist gestorben. Die Tage verbringt er mit etwas Gemüseanbau und Roth-Händle rauchend in der Sonne. Die Töchter kommen häufig zu Besuch. Bereut hat er sein Lauben-Leben nie. Dabei hätte ihm ein Sohn für die 25 Punkte gereicht. Dann hätte er Anspruch auf zwei nach Geschlechtern getrennte Kinderzimmer gehabt.

Von Bastian Ludwig

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.