„Es ist wie ein Mikrokosmos“

Flüchtlingsberatung in der Jägerkaserne: Wir haben eine Caritas-Mitarbeiterin begleitet

Ansprechpartnerin für die Flüchtlinge: Helga Tewes, Leiterin des Asylbewerberheims der Caritas in der Jägerkaserne, im Gespräch mit Mehran Jahany aus dem Iran. Er ist vor einer Woche nach Kassel gekommen. Fotos: Rudolph

Kassel. Die Stadt Kassel wird weitere große Flüchtlingsheime im ehemaligen Kinderkrankenhaus Park Schönfeld und der Graf-Haeseler-Kaserne einrichten. 2015 sollen ersten Prognosen zufolge 675 neue Flüchtlinge in Kassel aufgenommen werden. Wir haben das bestehende Heim der Caritas in der Jägerkaserne besucht, um einen Einblick in die Flüchtlingsbetreuung zu bekommen.

Es ist ruhig auf dem ehemaligen Kasernengelände an der Ludwig-Mond-Straße. Wer glaubt, dass in der Gemeinschaftsunterkunft, in der aktuell 117 Flüchtlinge leben, Trubel herrscht, der täuscht sich. Würden nicht vor den meisten Fenstern Satellitenschüsseln hängen, käme ein Passant vielleicht gar nicht auf die Idee, dass hier so viele Menschen wohnen. In den Fluren ist es düster und ungemütlich, hier hält sich niemand auf.

Nur im Treppenhaus zum Büro der Caritas im ersten Stock herrscht ab dem späten Vormittag Betrieb. Die Menschen kommen, um ihre Post abzuholen, den Schlüssel für die Waschküche auszuleihen oder etwas mit den Caritas-Mitarbeitern zu besprechen. Der Großteil der Bewohner stammt aus Afghanistan, Somalia, Eritrea und dem Iran. Insgesamt sind zehn Nationen vertreten.

„Die Menschen gestalten ihren Alltag selbstständig“, sagt Leiterin Helga Tewes. In ihren Wohnungen versorgen sich die Flüchtlinge selbst: Sie kaufen ein, kochen, waschen, putzen selbst. „Sie sind ja nicht entmündigt“, betont Tewes. Die 56-jährige Sozialpädagogin der Caritas ist froh, dass es in Kassel noch nie Essenspakete oder Einkaufsgutscheine für Asylbewerber gab.

Hier leben derzeit 117 Flüchtlinge: Das Heim in der ehemaligen Jägerkaserne wird von der Caritas betreut.

45 Wohneinheiten mit zwei bis drei Zimmern, Küche und Bad gehören zu dem Heim unweit des Auestadions. Familien werden gemeinsam untergebracht. Einzelpersonen teilen sich - nach Geschlechtern und meist auch Religionen getrennt - die Wohnungen. Die sechs Einzelapartments mit Kochecke und eigenem Bad sind die begehrtesten Zimmer, sagt Tewes. Dort werden, wenn möglich, besonders traumatisierte oder schwer kranke Flüchtlinge untergebracht.

Das Zusammenleben klappe im Großen und Ganzen gut, sagt die Leiterin. Private Sicherheitsdienste, wie sie bundesweit in einigen Flüchtlingsheimen eingesetzt werden, benötige man in Kassel zum Glück nicht. „Mit dem allergrößten Teil der Bewohner gibt es keine Probleme.“ Aber natürlich gebe es manchmal auch Streit zwischen Zimmergenossen, Alkoholmissbrauch, Ehekrach in Familien oder Probleme mit pubertierenden Kindern. „Das ist ein kleiner Mikrokosmos hier, wir haben alles, was im Leben eben so vorkommt“, sagt Tewes.

Wichtig für den sozialen Frieden im Haus sei, dass man den Menschen das Gefühl gebe, ernst genommen zu werden. „Wir versuchen, für alle Probleme ein offenes Ohr zu haben, auch wenn wir sie nicht immer lösen können.“

Durch die steigenden Flüchtlingszahlen sei die Arbeit manchmal kaum noch zu bewältigen, sagt Tewes, die zusammen mit einer Praktikantin im Anerkennungsjahr und einem Hausmeister Heimbetrieb und Betreuung stemmt. Zimmer ausstatten und zuteilen, Hilfe bei Anträgen für Behörden und im Asylverfahren, Kontakte mit Schulen und Ärzten, Ehrenamtliche koordinieren, und, und, und. „Je größer der Stress“, sagt Tewes, „desto mehr nimmt man gedanklich mit nach Hause.“

Von Katja Rudolph

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