Reporter sucht einen Waschbär

Reportertausch: So erlebte ich Toleranz auf Kasseler Art

+
Kassel – eine blühende Stadt: In Wilhelmshöhe vor dem Bergpark gibt es dafür ein hübsches Beispiel.  

Kassel. Beim Reportertausch arbeiten Journalisten eine Woche bei einer anderen Tageszeitung. Peter Berger von der Borkener Zeitung erkundet Kassel. Hier schildert er, was er hier erlebt hat.

Erste „Berg-Etappe“ zum Bergpark Wilhelmshöhe. Leicht verschwitzt steige ich am Schloss vom Fahrrad. „Guten Morgen, junger Mann“, grüßt mich ein älterer Herr. Er kommt in luftigem Outfit und mit Nordic-Walking-Stöcken des Weges. „Sportlich, sportlich“, entgegne ich anerkennend. Ob er öfter eine Runde durch den Park mache? „Wenn’s geht, täglich eine Stunde“, antwortet er. Ich sollte mal raten, wie alt er sei. Ich will nicht unhöflich sein, versuche weder zu tief noch zu hoch zu tippen und antworte: „78“. Er korrigiert mich lächelnd: „88“.

Achim Schrof heißt der unermüdliche Walker. „Ich war immer ein Bewegungsmensch, weil ich einen Ausgleich zum Büro brauchte“, erzählt er und fügt stolz hinzu, früher mal Marathon gelaufen zu sein, Bestzeit so um die dreieinhalb Stunden. Alle Achtung! Weil er in Bad Wilhelmshöhe wohnt, habe er es ja nicht weit zum Bergpark.

Achim Schrof macht sich wieder startklar. „Solange mich meine Füße tragen, mache ich weiter mit dem Training“, sagt er zum Abschied. Ein sympathischer Kasseler, Kasselaner oder -äner. Das hatte ich vergessen, ihn zu fragen. Und ihm zu sagen, dass er eine wunderschöne Sehenswürdigkeit vor der Haustür hat – den Bergpark.

Für mich geht’s wieder bergab. Hinter der Haltestelle Kurhessen-Therme ein paar Männer in blauer Montur. Sie bewegen sich in Zeitlupe über die Wiese. Einer schwenkt eine Sonde über die Grasnarbe. Es macht piep. Der Sonden-Mann stoppt, und sein Kollege, der Spaten-Mann, fängt vorsichtig an zu buddeln. Er bringt ein bolzen- oder schraubenförmiges Ding zum Vorschein. Ob sie schon irgendwas Größeres gefunden haben, will ich wissen. „Nö“, antwortet der Sonden-Mann einsilbig. Auf dem Firmen-Bulli steht „Kampfmittelräumung“.

Zurück in der Innenstadt schlendere ich die Kölnische Straße entlang. Vor mir ein städtischer Mitarbeiter zur Überwachung des ruhenden Verkehrs – oder wie auch immer die männliche Form von Politesse lautet. Er schaut sich seelenruhig ein paar Minuten den ruhenden Verkehr an und klemmt dann einem SUV, der im absoluten Halteverbot steht, ein Knöllchen hinter den Scheibenwischer.

Kurz darauf hält in derselben Zone ein Kleintransporter. „Parken Sie dahinten, es ist besser für Sie“, ruft die Politesse (männlich) dem Fahrer zu. Der dankt und fährt weiter. Der eine bekommt ein 15-Euro-Ticket, der andere kommt ohne davon. Der SUV-Fahrer habe seine falsche Entscheidung schon getroffen, der Kleintransporter-Fahrer eben noch nicht. „Und das habe ich ihm zu verstehen gegeben“, erklärt der städtische Mitarbeiter. Ist das Toleranz auf Kasseler Art oder nur eine Ausnahme?

Peter Berger

Viel Dank dürfe er in seinem Job nicht erwarten, sagt der Mann noch. Am Morgen habe er vor einer Kita eine schimpfende Mutter vor der Nase gehabt. Die habe mitten auf dem Radweg gestanden, „eine klare Behinderung, also Verwarnung“. Einsicht bei der Frau: Fehlanzeige.

Kassel, die Hauptstadt der Waschbären. Man liest es rauf und runter. Doch dieses Alleinstellungsmerkmal gefällt offenbar nicht jedem Menschen in Kassel. Mal sehen, ob mir in meiner Austausch-Woche einer über den Weg läuft. Sie sollen, wie jeder weiß, von der gefräßigen und lärmenden Sorte sein.

Flüchtige Bekanntschaft mit einem Exemplar habe ich schon mal gemacht. Beim Zelten am Edersee. Der Parzellen-Nachbar hatte uns nach unserer Ankunft noch lang und breit erklärt, alle Fressalien besser im Auto oder im Zelt zu lagern. Wir befolgten den Rat. Dann aber doch schlafraubendes Geraschel und Gepolter zur Geisterstunde. Unser Parzellen-Nachbar erklärte uns das nach viel zu kurzer Nacht etwas kleinlaut so: Eines seiner Kinder hätte spätabends noch Chips-Hunger gehabt und hätte danach die angebrochene Tüte draußen liegen lassen. Und dann kam es so, wie es kommen musste.

Peter Berger ist Redakteur der Borkener Zeitung im Münsterland.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Ab dem 25.5.2018 gilt die Datenschutzgrundverordnung. Dazu haben wir unser Kommentarsystem geändert. Um kommentieren zu können, müssen Sie sich bei unserem Dienstleister DISQUS anmelden. Sollten Sie zuvor bereits ein Profil bei DISQUS angelegt haben, können Sie dieses weiter verwenden. Nutzer, die sich über den alten Portal-Login angemeldet haben, müssen sich bitte einmalig direkt bei DISQUS neu anmelden.

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.