Herkules ist der Schwarzenegger der Antike

Reportertausch: In meinem Hotelzimmer denke ich an den Herkules

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Zu Besuch bei den Wasserspielen: Sara Reinke am Zentauren im Bergpark.

Kassel. Sara Reinke von der Hildesheimer Allgemeinen Zeitung ist eine von zwei Tauschreportern, die eine Woche bei uns zu Gast sind. Kassels Wahrzeichen entdeckte sie auf ungewöhnliche Art.

Herkules, der Schwarzenegger der Antike, guckt auf die Stadt. Und die Stadt guckt zurück. Ob beim Schlendern in der Karlsaue, beim Radeln entlang der Fulda oder beim Feierabend-Bier in der Friedrich-Ebert-Straße, ständig hat man diesen muskelbepackten Angeber im Blick. Sogar im Hotelbett liegend kann ich ihn sehen, bezahle die Aussicht allerdings mit der nächtlichen Geräuschkulisse der Frankfurter Straße vor dem geöffneten Fenster. Morgens um fünf fährt die erste … heißt es hier eigentlich Straßenbahn oder Tram? „Tram“, antwortet die Kollegin vom Schreibtisch gegenüber. „Straßenbahn!“, sagt der Kollege daneben. Auf jeden Fall hat das Ding einen Sound wie Donnerhall.

HNA-Kollege Thomas Siemon ist Herkules-Experte und will uns Tauschreportern das barocke Bauwerk und den welterbe-prämierten Wasserpark näherbringen. Wohl schon hunderte Male ist er selbst die 540 Stufen entlang der plätschernden Kaskaden hinabgestiegen, trotzdem schwingt noch immer echte Begeisterung in seinen Erläuterungen mit. Beeindruckend. Mit dem Auto bringt er uns bis zum Bus-Zubringer und entlässt uns mit genauen Instruktionen auf die Piste.

Im Besucherzentrum kann man Herkules-Schnapsgläser kaufen, Herkules-Bierkrüge und Herkules-Wandteller. Im Ernst. Kollege Peter Berger kauft pflichtschuldig zwei Postkarten. Der Borkener Briefträger soll auch mal was sehen von der Welt.

Draußen stören fünf gelbe Kräne und ein Baugerüst etwas die Kulisse, Peter und ich posieren trotzdem für Quatschbilder. „Nehmt die Touristen-Perspektive ein“, lautet schließlich unser Auftrag. Alberne Selfies zu machen, das beobachten wir bei den anderen Besuchern, gehört unbedingt dazu.

Auf der obersten Kaskaden-Stufe lernen wir Christian Kliche kennen, gelernter Klempner und seit 30 Jahren mitverantwortlich für den Zauber hinter den Wasserspielen. Mit großen Metallschlüsseln setzen er und zwei Kollegen das Spektakel auf den verschiedenen Ebenen punktgenau in Gang. Kliche schwärmt von der 300 Jahre alten Technik, die die Anlage noch immer am Laufen hält. Mir bleibt sie ein Rätsel. Dann muss er schnell eine Etage tiefer, an den nächsten Stellschrauben drehen. Wo ist eigentlich der Rollstuhlfahrer geblieben, den ich im Besucherzentrum noch gesehen habe?

Die Missklänge des Zentauren hören wir schon von Weitem - nicht schön, aber lustig. Ich nehme eine Audio-Datei auf, die wahrscheinlich nie einer hören will, dann strömen wir mit dem Wasser und den Besuchermassen weiter abwärts. Hinter seinem Wasserschleier wartet der Neptun auf den Showdown, am anderen Ufer warten wir. Peter und ich und die anderen. Ich versuche zu schätzen, wie viele es sind - und scheitere. Mehr als tausend Menschen aber bestimmt. Sie alle hat der Herkules an diesem eher trüben Mittwoch in seinen Bann gezogen. Und auch ich werde künftig ganz anders zu ihm aufblicken. Heute Abend von meinem Hotelzimmer.

Sara Reinke ist Redakteurin bei der "Hildesheimer Allgemeinen Zeitung".

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