Rettung für die gläserne Stadt: Relief unterm Hauptbahnhof wird geborgen

Kassel. Teile der Stadt sind zerstört. Aus dem gläsernen Wandrelief, das einen Stadtplan von Kassel zeigt, sind etliche Glassteine herausgebrochen. Noch schlummert das Kunstwerk in der stillgelegten Unterführung am Hauptbahnhof. Nun soll es geborgen werden.

Rechtzeitig, bevor der Fußgängertunnel und die angrenzende unterirdische Tram-Station mit Beton verfüllt werden.

Als die Unterführung 1968 fertiggestellt wurde, war die 14 Meter lange Glaskunst des verstorbenen Kasseler Grafikers Dieter von Andrian ein echter Hingucker. Von hinten mit Neonröhren beleuchtet, brachte sie Glanz ins Dunkel. Wenige Jahre später war vom Glanz nicht mehr viel übrig. In den 90er-Jahren diente das Relief sogar als Drogen-Depot.

Drogenhändler hätten mit einem Hammer einzelne Glassteine, die mit Betonmasse verbunden sind, herausgeschlagen, um in den Hohlräumen Drogen für ihre Abnehmer zu deponieren, erzählt Reinhard Pinne vom städtischen Tiefbauamt.

Dadurch sei das Relief nach und nach beschädigt worden. Um es vor einer kompletten Zerstörung zu bewahren, hatte es das Tiefbauamt Ende der 90er-Jahre mit Bauplatten verschalt.

Brachte Licht ins Dunkel: Filip Vilusic-Grabovic vom Straßenverkehrs- und Tiefbauamt beleuchtet das Glasrelief, das zum Teil zerstört und mit Graffiti bemalt wurde.

Inzwischen sind die Platten wieder ab, und die Zerstörung ist sichtbar. Etliche Löcher sind in den Stadtplan aus Glas gerissen, der vom Herkules bis zur Unterneustadt reicht. Ganze Viertel sind weggebröckelt. Aber eine Rekonstruktion der Kunstglaswand ist möglich - auch weil viele Steine nicht verschwunden, sondern in den Hohlraum hinter das Kunstwerk gefallen sind.

Noch deutlich zu erkennen sind Kassels Sehenswürdigkeiten: Der Auepark ist in grünen Steinen gehalten, die Fulda in blauen, und die Wilhelmshöher Allee ist als langes Band aus Beton gearbeitet. Auch das Stadtwappen ist unversehrt.

Vergangenes Jahr kam im Stadtmuseum die Idee auf, das lange vergessene Kunstwerk aus seinem Dornröschenschlaf zu erwecken. Die Tochter des Künstlers, Bettina von Andrian, hatte dessen Nachlass dem Museum übergeben. Darunter auch Entwürfe des Glasreliefs. Ein Mitarbeiter des Tiefbauamtes entdeckte beim Besuch des Museums die Entwürfe. Er erkannte das Kunstwerk und informierte die Museumsleitung, dass es noch immer im Tunnel hinter Platten schlummert, die später entfernt wurden.

Weil das Relief aus Segmenten besteht, ist der Abbau einfach, sagt Pinne. Bevor ein Ort für eine öffentliche Präsentation gefunden ist, soll es zunächst im städtischen Museumsdepot gelagert werden.

Zwar haben die Stadtverordneten dem Vorhaben zugestimmt, aber noch steht die Finanzierung nicht. Weil die Unterführung aus Sicherheitsgründen in den nächsten Jahren verfüllt werden muss, ist eine Bergung nötig. Der Zeitpunkt ist aber noch unklar.

Von Bastian Ludwig

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