In Schlucht gestürzt

Ballonfahrerin aus Vellmar rettet jungen Engländer in der Türkei

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In der Luft: Pia Marie Witt aus Vellmar arbeitet derzeit als Ballontrainerin in der Zentraltürkei. Auf einer Fahrt entdeckte sie in einer Schlucht einen 19-jährigen Wanderer aus England, der abgestürzt war.

Vellmar/Göreme. Zunächst hörte sie nur Schreie. „Ich wusste nicht, ob es eine Menschen- oder Tierstimme war. Es war nichts zu verstehen“, sagt Pia Marie Witt. Die 36-jährige Vellmarerin war vergangene Woche mit 20 Touristen als Pilotin in einem Heißluftballon in der Türkei unterwegs - und rettete einem Engländer das Leben, der in eine Schlucht gestürzt war.

Die Luftschiffpilotin und Abenteurerin, die vor zwei Jahren mit einem Freund und sieben Enten von Kassel bis zur Nordsee schwamm, arbeitet zurzeit als Ballontrainerin in der Türkei. Sie schult Ballonfahrer und hilft so einem Freund, der dort ein Unternehmen aufbauen will. „Keiner meiner Passagiere konnte etwas von den zu hörenden Lauten verstehen, so dass wir uns zunächst auch keine Gedanken machten“, berichtet Pia Marie Witt am Telefon von der Rettung. Der Wind trieb sie zunächst auch weg von der Felsenschlucht nahe der Stadt Göreme, die sie überflogen hatten.

„Doch dann drehte plötzlich der Wind und wir überfuhren die Schlucht erneut.“ Da entdeckte sie in der Tiefe eine auf dem Boden liegende Person. Nun verstand sie auch, dass die Person auf Englisch um Hilfe rief. Nur helfen konnte Pia Marie Witt nicht sofort.

„In der Schlucht konnte ich nicht landen, so dass ich erst einen nahegelegenen Berg ansteuern musste.“ In der Zwischenzeit griff sie zum Handy und rief eine Freundin an. Diese bat sie, sofort die Polizei zu alarmieren. Nach der Landung stieg sie selbst vorsichtig in die Schlucht hinunter. Eine Freundin hielt einen langen Ast, an dem sie sich die ersten Meter festhalten konnte.

Zeitgleich mit der Polizei erreichte sie den 19-jährigen Engländer, der noch immer am Boden lag. „Der Rettungsdienst musste kommen, um ihn abzuholen, da der Rücken und ein Bein gebrochen waren. Er konnte sich selbst nicht mehr bewegen“, sagt Pia Marie Witt.

Nachts empfindlich kalt

Über eine Stunde dauerte es, bis der Rettungsdienst in der Schlucht war und den Engländer Sean Hyves ins Krankenhaus brachte. „Er lag schon über Nacht dort und war total unterkühlt. In der Region Kappadokien herrschen zu dieser Zeit nachts Temperaturen unter sechs Grad.“ Noch eine Nacht da draußen hätte er sehr wahrscheinlich nicht überlebt, sagt Witt. Am Tag zuvor hatte sich der junge Mann ohne seine beiden Freunde, mit denen er Urlaub in der Türkei machte, allein auf den Weg gemacht. „Er trug auch kein Handy bei sich, mit dem er einen Notruf hätte absetzen können“, berichtet Pia. Insgesamt 14 Stunden lag der Engländer in der Schlucht.

„Das war eine schicksalhafte Begegnung. Nicht auszudenken, was passiert wäre, wenn der Wind sich nicht noch einmal gedreht hätte“, sagt Pia Marie Witt.

Während Sean Hyves noch im Krankenhaus liegt, hebt Pia Marie Witt schon wieder ab.

Von Florian Quanz

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