Es gibt zu wenig Fachärzte in der Region - Langes Warten auf Termine

Rheumapatienten in Not

Wulf-Dieter Behnert

Kassel. Etwa eine halbe Million Menschen leidet in Hessen an rheumatischen Erkrankungen. Sie sind auf die Behandlung durch Fachärzte angewiesen. Doch die sind dünn gesät. Vor allem fehlt es an internistischen Rheumatologen, die auf entzündliche rheumatische Erkrankungen spezialisiert sind. Dazu gehört die chronische Polyarthritis, an der in Hessen jährlich 25 000 Menschen erkranken. Für ganz Nordhessen sind gerade einmal drei niedergelassene internistische Rheumatologen zuständig. Und die sitzen alle in Kassel.

„Neue Patienten müssen bis zu sechs Monate auf einen Termin warten“, sagte Dr. Wulf-Dieter Behnert, internistischer Rheumatologe an der Vitos Orthopädischen Klinik Kassel, am Rande des Festakts zum 30-jährigen Bestehen der Rheuma-Liga-Selbsthilfegruppe Kassel.

Laut Dr. Wolfgang Bolten, Präsident der Rheuma-Liga Hessen, ist das definitiv zu lange. Denn gerade bei entzündlichen rheumatischen Erkrankungen können in dieser Zeit bereits irreparable Folgeschäden entstehen. Hinzu kommen die langen Anfahrtswege für die Patienten. „Sie müssen manchmal bis zu 200 Kilometer für einen Arzt-Termin fahren“, sagt Michaela Fritsch, Leitungsteam-Sprecherin der Selbsthilfegruppe Kassel.

Versorgung reicht nicht

Die Rheuma-Liga Hessen fordert daher einen Versorgungsschlüssel von niedergelassenen internistischen Rheumatologen pro Einwohnerzahl von 1:50 000. Derzeit liegt der bei 1:230 000. „Dieser Wert wird gerade mal in den Großstädten erreicht, auf dem Land in der Zuordnung zu Landkreisen allerdings nie“, sagte Geschäftsführer Reinhard Wirsing.

Gleichzeitig ist nach Ansicht von Bolten eine bessere Vergütung internistischer Rheumatologen notwendig, um diese Fachrichtung für Medizin-Studenten attraktiver zu machen. „Technische Leistungen dürfen bei der Vergütung nicht im Vordergrund stehen“, sagt er.

Zudem fordert er spezielle Schulungen für Hausärzte und Orthopäden, die eine wichtige Rolle bei der Überweisung der Patienten an die Fachärzte spielen und so eine Art „Filter-Funktion“ übernehmen können. Denn viele Patienten, die beim internistischen Rheumatologen landen, haben laut Bolten degenerative rheumatische Erkrankungen und müssen dann wieder an einen orthopädischen Rheumatologen überwiesen werden. Das bestätigen auch Behnert und Dr. Burkhard Mai, orthopädischer Rheumatologe an der Vitos Orthopädischen Klinik Kassel. Beide kooperieren eng miteinander.

Dass aufgrund dieser Defizite rheumatische Erkrankungen in Deutschland generell immer noch zu spät erkannt werden, ist nach Boltens Ansicht umso bedauerlicher, weil es bei der Behandlung mittlerweile große medizinische Fortschritte gibt. Fotos:  Konrad HINTERGRUND

Von Mirko Konrad

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