Landgericht spricht 43-Jährigen von Vergewaltigungsvorwurf frei

Richter fehlt ein Beweis

Kassel. Es war so etwas wie das Parallelverfahren zum Pfeffermann-Prozess: Auch hier wurde dem Angeklagten ein Sexualdelikt vorgeworfen, auch hier hatte sich das Geschehen in Ahnatal abgespielt, auch hier wurde vor der 5. Strafkammer des Kasseler Landgerichts verhandelt, auch hier zog sich das Verfahren über Monate hin.

Zwei Tage, bevor die Strafkammer ihr Urteil gegen den früheren SPD-Bundestagskandidaten aus Ahnatal verkünden will, sprach sie am Montag einen 43-jährigen Familienvater aus Vellmar vom Vorwurf der Vergewaltigung einer Tramperin frei. Nach 19 Verhandlungstagen in sieben Monaten sagte Richter Jürgen Stanoschek: „Die Aussage der Frau war von Anfang an in wesentlichen Punkten erlogen.“

Laut ihrer ersten Aussage bei der Polizei war die 22-Jährige von dem Angeklagten, den sie angeblich aus der Disco kannte, am Stern aufgesammelt worden. Er habe ihr gesagt, sie zu ihrer Wohnung nach Bettenhausen zu bringen. Stattdessen sei er zu einem Steinbruch nach Ahnatal-Weimar gefahren, habe auf einem Feldweg geparkt, um sich an ihr mehrfach zu vergehen.

Danach habe er sie aus dem Auto geworfen und sie im Dunkeln zurückgelassen. Erst im Laufe des Verfahrens hatte die Frau ihre Geschichte nach und nach korrigiert. Hatte zugegeben, heroinabhängig zu sein, auf den Drogenstrich zu gehen – und eben deshalb zu dem 43-Jährigen ins Auto gestiegen zu sein. Doch statt sie wie ausgehandelt zu bezahlen, habe der Mann nur „Ausziehen!“ kommandiert und sie auf dem Rücksitz des Wagens vergewaltigt.

Auch der Angeklagte hatte dem Gericht unterschiedliche Versionen präsentiert: Erst stellte er sich als verfolgte Unschuld dar, der als verheirateter Vater zweier Kinder nicht einmal auf die Idee käme, die Dienste einer Prostituierten in Anspruch zu nehmen. Später gab er zu, gelogen zu haben, und räumte einvernehmlichen Sex mit der 22-Jährigen ein. Nur weil sie hinterher mehr Geld gefordert habe als ursprünglich vereinbart, habe er sie wütend aus dem Auto gejagt. Zwei verschiedene Aussagen brauchte der Angeklagte, mindestens drei sein vermeintliches Opfer: „Bei dieser Frage steht es 1:0 für meinen Mandanten“, sagte Verteidiger Olav Stalling.

Staatsanwältin Angela Kleine-Kraneburg dagegen glaubte trotzdem der jungen Frau und forderte dreieinhalb Jahre Gefängnis. Das Gericht jedoch befand: im Zweifel für den Angeklagten. (jft)

Von Joachim F. Tornau

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