Kasseler Verein stellt Avatare für junge Patienten zur Verfügung

Roboter besucht für krebskranke Schülerin den Unterricht

Ein gutes Team: Konstanze Nagel mit dem Avatar „Bobi“
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Ein gutes Team: Konstanze Nagel mit dem Avatar „Bobi“

Konstanze Nagel aus Homberg ist an Krebs erkrankt. Seit Dezember ist sie im Kasseler Klinikum in Behandlung. Neben der Auseinandersetzung mit ihrer Krankheit hat sie dank eines kleinen Roboters keine Sorgen, in der Schule nicht mehr mitzukommen.

Kassel – Das vergangene halbe Jahr war für Konstanze Nagel nicht einfach. Was mit hartnäckigen Bauchschmerzen begann, sollte sich am 16. Dezember als 15 Zentimeter großer bösartiger Tumor entpuppen. Dass die 15-jährige Schülerin inzwischen wieder lachen kann, liegt an der erfolgreichen Therapie im Klinikum Kassel und ihrem neuen Freund Bobi. Diesen Spitznamen trägt ein kleiner Roboter, der für sie am Unterricht teilnimmt.

Im vergangenen Oktober plagten die Hombergerin immer mal Bauchkrämpfe. Sie dachte sich erst nichts dabei. Auch mit ihren Eltern sprach sie nicht sofort darüber. „Ich dachte, vielleicht sind es meine Tage“, sagt die junge Frau. Ein Arzt vermutete eine Nierenbeckenentzündung und verordnete ein Antibiotikum.

Erst Wochen später wurde der Tumor im Unterbauch entdeckt. Vor der Operation war der Bauch schon so groß, dass die Ärzte die Patientin fragten, ob sie schwanger sei. Während des sechsstündigen Eingriffs holten sie ein Ewing Sarkom hervor – nur zwei von einer Million Kindern unter 15 Jahren erkranken daran. Konstanze Nagel war eines von diesen.

Ihr Leben stand nun auf dem Kopf: Die Chemotherapie sorgte dafür, dass ihre langen dicken blonden Haare ausfielen. Ein Schock. Nach drei Wochen auf der Kinderonkologie durfte die Schülerin an Heiligabend nach Hause. „Die Ärzte sagten, wenn ich es ohne Rollstuhl bis zum Ausgang schaffe, darf ich gehen“, erzählt die 15-Jährige. Sie kämpfte und schaffte es.

Geht für Konstanze Nagel in die Schule: Ihr Avatar verfolgt den Unterricht in der Homberger Theodor-Heuss-Schule.

An den Schulbesuch war aber noch lange nicht zu denken – zumal noch eine neuartige Strahlentherapie in Essen anstand. Da kam über das Kasseler Klinikum das Angebot, einen kleinen Roboter nutzen zu können, der stellvertretend das Geschehen im Klassenzimmer verfolgt, gerade recht. Der Kasseler Verein für krebskranke Kinder hatte dank einer Spende des KVV-Konzerns Anfang des Jahres zwei Avatare für je 3500 Euro angeschafft und stellt diese nun jungen Patienten leihweise zur Verfügung.

In der Theodor-Heuss-Schule in Homberg, wo die Schülerin die zehnte Klasse besucht, sei das Kollegium sofort offen für den Roboter gewesen, erzählt Klassenlehrer Andreas Krämer. Durch Corona sei man den digitalen Unterricht aber ohnehin schon gewohnt gewesen. Als im April der Präsenzunterricht wieder begann, wurde Konstanze Nagels Platz im Klassenzimmer von Bobi eingenommen, wie ihn die Mitschüler liebevoll tauften. Der etwa 30 Zentimeter große Roboter wird über eine App gesteuert. Er verfügt nicht nur über eine Kamera, Mikrofon und Lautsprecher, sondern er ist auch in der Lage, seinen Kopf zu drehen und er kann Mimik ausdrücken: ein lachendes, ein trauriges, ein nachdenkliches und ein wütendes Gesicht. Wenn Konstanze Nagel sich aus dem Krankenbett zu Wort melden will, dann blinkt sein Kopf.

Für die Schülerin ist Bobi eine große Hilfe. „Er erleichtert mir viel. Durch ihn bin ich viel stärker präsent in der Schule, als würde ich nur ein Video verfolgen. So bekomme ich auch das soziale Leben in der Klasse mit“, sagt Nagel. Nur beim Sportunterricht hat Bobi Pause. „Der Avatar hält Konstanze im Bewusstsein der Klasse. Er sorgt für viele humorvolle Momente“, sagt Lehrer Krämer.

Weil es ihr besser geht, will die 15-Jährige ihre Schule nun an einigen Tagen wieder real besuchen – zumindest bis zu den Sommerferien. In den Phasen der Chemotherapie, die noch bis September läuft, will sie aber weiter auf Bobi zurückgreifen. Ihre Heilungschancen seien gut. Und so wünscht sie sich, dass anschließend ein anderer Patient von dem kleinen Roboter profitieren kann. (Bastian Ludwig)

Aufruf: Der Verein für krebskranke Kinder Kassel hat Bedarf an weiteren Avataren und bittet um Spenden. Kontakt: 0177/ 74 59 613, info@krebskranke-kinder-kassel.de

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