Historiker beginnen mit Aufarbeitung

Rolle früherer Oberbürgermeister in NS-Zeit: 2015 Klarheit über Branner

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Im Blickpunkt: Karl Branner als 24-Jähriger in einer Uniform des NS-Kraftfahrkorps.

Kassel. Mit Willi Seidel, Karl Branner und Lauritz Lauritzen sollen nun noch einmal die Biografien aller drei Nachkriegsoberbürgermeister auf den Prüfstand kommen. Im Auftrag der Stadt Kassel untersucht die Marburger Historikerin Sabine Schneider das Verhalten der früheren Stadtoberhäupter in der NS-Zeit.

Wegen der aufwändigen Recherchen sei mit Ergebnissen erst im Frühjahr 2015 zu rechnen, teilt die Stadt mit.

Wie die HNA berichtet hatte, ließ das im vergangenen Jahr erschienene Buch „Kassel in der Moderne“ der Kasseler Professoren Jens Flemming und Dietfrid Krause-Vilmar das Lebenswerk der drei früheren SPD-Oberbürgermeister in einem anderen Licht erscheinen. So war der äußerst beliebte Kasseler Ehrenbürger Branner (1910-1997) in der NS-Zeit nicht nur Mitglied der NSDAP (teilweise führend tätig in deren Unterabteilungen), sondern er hatte sich in seiner Doktorarbeit auch auf Gedankengut der Nationalsozialisten gestützt.

Eigentlich ausgeschlossen

Über Lauritz Lauritzen (1910-1980) ist bekannt, dass er Mitglied der Reiter-SA war und auch zu Willi Seidel gibt es Hinweise, dass er in der NSDAP gewesen sein könnte. Dabei hatte die Stadtverwaltung nach dem Krieg eigentlich festgeschrieben, dass ehemalige NSDAP-Mitglieder von Ämtern im Magistrat ausgeschlossen sind.

Mehr zu den drei Kasseler Oberbürgermeistern finden Sie im Regiowiki:

- Karl Branner

- Lauritz Lauritzen

- Willi Seidel

Um die im Buch von Flemming und Krause-Vilmar zusammengetragenen Faktenbasis noch einmal zu erweitern und in die Lebensläufe und die Zeit einzuordnen, ist nun die Marburgerin beauftragt worden. Unterstützt wird Schneider dabei von einem wissenschaftlichen Beirat, dem der Marburger Historiker Eckart Conze sowie Flemming und Krause-Vilmar angehören.

Die Stadt erwarte eine fundierte biografische Rekonstruktion auf umfassender Quellengrundlage, teilte ein Sprecher mit. Das Forschungsprojekt beziehe sich nicht nur auf die Zeit vor 1945, sondern auch auf den Umgang der Politiker mit der NS-Vergangenheit, insbesondere während ihrer Tätigkeit in der Kasseler Kommunalpolitik.

Ehrenbürgerwürde haltbar?

Auf dieser Grundlage soll dann im Frühjahr 2015 eine politische Bewertung erfolgen. Es sei ein Gebot der Fairness, vor Abschluss der Forschung weder Vorab-Freisprüche noch Vorverurteilungen vorzunehmen, sagte Oberbürgermeister Bertram Hilgen.

Nach Vorliegen der Forschungsergebnisse wird es darum gehen, zu klären, ob Branners Ehrenbürgerwürde oder die Benennung von Bauwerken nach den Oberbürgermeistern (Karl-Branner-Brücke, Karl-Branner-Seitenhalle im Rathaus, Willi Seidel-Haus) noch gerechtfertigt ist.

Von Bastian Ludwig

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