Männerbund Schlaraffia gründete sich vor 130 Jahren

Illustres Rollenspiel: Im Reich der rüstigen Ritter

Hat mit Karneval nichts zu tun: Wenn Schlaraffen zusammenkommen, schlüpfen sie in ihre Ritter-Rollen. Ihre Gewänder stellen Rüstungen dar. Unser Foto zeigt einen Ritter aus dem Sauerland, der in das Kasseler Reich „einreitet“. Foto: Ludwig

Kassel. Es ist der verrückteste Männerbund der Stadt: Die Schlaraffen vom Reich Chasalla treffen sich seit 130 Jahren, um einmal pro Woche in das Reich der Ritter abzutauchen. Unser Redakteur durfte in der Rolle des Pilgers am humorvollen Rollenspiel, das Sippung genannt wird, teilhaben.

Die Ritter des „Reyches Chasalla“ stehen Spalier und kreuzen ihre Holzschwerter. Eine Posaunenfanfare ertönt. Zeremonienmeister Hellenicus gibt „den Einritt“ von Rittern befreundeter Reiche bekannt. Rüstige Herren im Gewand schreiten durch den Schwerter-Tunnel. Die Hausherren rufen laut „Lulu, Lulu“ und schlagen ihre Holzschwerter aneinander – ein Zeichen der Ehrerbietung für die Gäste, die auch aus Wien, der Pfalz und dem Sauerland angereist sind. Der Mundschenk reicht ihnen Wein.

Mit viel Tamtam startet die Sippung in einem alten Kontorgebäude gegenüber der Salzmann-Fabrik, die für die Schlaraffen „die Löwenburg“ ist. Die bürgerlichen Namen müssen, ebenso wie Frauen, draußen bleiben. Es regiert die Fantasie: So schlüpfen etwa Jochen Apel und Otto Zilligen aus Kassel in die Rollen der Ritter Pomodoro und Palindrotto. Als solche gehören sie zum dreiköpfigen Thron, der sich mit „eure Herrlichkeit“ anreden lässt. Über ihnen schwebt das Wappentier, ein Uhu.

Seit 1883, als in Kassel der Ableger des weltweit vertretenen Männerbundes gegründet wurde, hat sich das Ritual, das sich über 3300 Mal wiederholt hat, kaum verändert. „Wer gesehen werden will, braucht eine Kopfbedeckung“, erklärt Junkermeister Le Filou. Er reicht dem Pilger von der HNA eine Kappe, damit er Teil des Rollenspiels sein kann.

Kontakt für Interessierte

Einen Kontakt zum Kasseler Männerbund der Schlaraffen gibt es im Internet: www.schlaraffia- chasalla.org oder telefonisch über Otto Zilligen (0561/ 882523) oder Jochen Apel (0561/ 898783).

Le Filou wacht über die Junkertafel, wo mit Knappen und Junkern die Ritter von morgen sitzen. Während an den Tafeln Quell und Lethe fließen – Spielverderber würden Bier und Wein sagen – geht das Schauspiel weiter. Der Hofnarr Don Si-Vino, der eben noch die dürre Haarpracht des Throns geschmäht hatte, wird zu seinem Geburtstag besungen. Es wird nicht das letzte Lied an diesem Abend bleiben. Denn die Schlaraffia hat nicht nur ein eigenes Wörter-, sondern auch ein Gesangbuch.

Der Hofnarr ist der Einzige, der den Thron herausfordern darf, ohne geschmäht zu werden. Allen anderen droht bei groben Beleidigungen das Verließ - ein Winkel im Raum, vor dem ein Gitter steht. Für kleine Vergehen gibt es Geldstrafen, die in Rosennobel (drei Euro) und Reichsmark (ein Euro) zu entrichten sind.

Gustav Mahler war Mitgründer - Mehr zum Thema lesen Sie am Freitag in der gedruckten Ausgabe.

Neben einer Andacht für den verstorbenen Ritter Brichtnix, dem wie alle verstorbenen Schlaraffen in einem Schrein gedacht wird, ist vieles an dem Abend improvisiert. Zwar gibt es wie immer ein Thema - die Palette reicht von Goethe bis Ahle Wurscht - aber vor allem lebt der Abend vom spontanen Schauspiel. So liefern sich die Ritter mit „Fechsungen“ (selbst verfassten Beiträgen) verbale Duelle. Dazu besteigen sie Holzpferde, erheben die Schwerter und pflegen alle Arten von Reimen und Sangeskunst. Für den Sieger gibt es Abzeichen.

Nach drei Stunden ist das Spiel vorbei. Ritter, Junker und Knappen verlassen die Burg, werden zu Beamten, Juristen und Pensionären und tauschen das Holzpferd gegen das „Benzinross“.

Von Bastian Ludwig

Fotostrecke: 130 Jahre Männerbund Schlaraffen

130 Jahre Männerbund Schlaraffen

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