Für gehbehinderte Menschen ist es zurzeit nahezu unmöglich, mobil zu sein

Schnee macht Probleme: Rolli-Fahrer stecken fest

Kein Durchkommen: Ralph Lüdtke, der auf der Marbachshöhe wohnt, kämpft sich durch harschige Schneeberge auf dem Gehsteig.

Kassel. „Ich habe Hausarrest“, sagt Hildegard Erstmann. Sie scherzt, doch der Hintergrund ist alles andere als lustig. Das Winterwetter zwingt die 70-jährige gehbehinderte Frau dazu, zum Stubenhocker zu werden.

Auf ihren Rollstuhl, den sie benötigt, um sich außerhalb ihrer Wohnung fortzubewegen, muss sie auf unbestimmte Zeit verzichten. Der Grund: Vereiste Wege und Schneeberge an den Straßenrändern, die jedes Queren unmöglich machen. „Zum Glück habe ich nette Hausbewohner, die für mich die Einkäufe erledigen.“

In ihrer Nachbarschaft auf der Marbachshöhe wohnt auch Ralph Lüdtke (65). Er schafft es mit seinem leistungsstarken Rollstuhl aus der Schweiz („Der ist für bergiges Gelände konzipiert“) gerade mal wenige Meter vor die Haustüre. Mitten auf dem Gehsteig taucht plötzlich ein harschiger Eisberg auf, der für Lüdtke unüberwindbar ist. „Ich bin kein ängstlicher Mensch und geb’ schon mal ordentlich Gas“, sagt Lüdtke. „Aber in diesen Tagen bin ich vorsichtig: Wenn ich hängenbleibe, kann ich unter Umständen lange auf Hilfe warten.“ Der Rentner ärgert sich darüber, dass die Räumdienste zwar den Schnee schieben, aber gleich daneben unüberwindbare Berge anhäufen. „Vor allem, wenn an den Tramhaltestellen schlecht geräumt wird, ärgert mich das.“

Keine öffentlichen Parkplätze, nicht mal für Behinderte, werden geräumt, moniert der muskelkranke Horst-Peter Germandi. Der 53-jährige Finanzbeamte muss im Rollstuhl täglich von seiner Wohnung im Forstfeld an seinen Arbeitsplatz am Altmarkt gelangen.

Schwerstarbeit

Das ist dieser Tage, trotz der Hilfe eines ambulanten Dienstes, Schwerstarbeit. An den Straßenrändern türmen sich die Eislandschaften. Ausreichend Platz zu finden, um die Heckrampe seines Autos herunterzulassen, damit Germandi mit seinem Rollstuhl hineinfahren kann, ist nur an wenigen Stellen möglich. Manchmal müsste fürs Rangieren für kurze Zeit die Straße blockiert werden. „Das geht in der Stegerwaldstraße, wo ich wohne, gerade so, weil sie nicht sehr befahren ist.“ Alles, außer den Weg zur Arbeit, müsse er sich zurzeit verkneifen, seien es Arzttermine oder Freizeitveranstaltungen.

Gehbehinderte Menschen, auch Ältere, die auf Stock oder Rollator angewiesen sind, litten zurzeit extrem unter der Witterung. Sich draußen zu bewegen, sei für sie „völlig unmöglich“, sagt auch Dr. Andreas Jürgens, Landtagsabgeordneter der Grünen. Er bewege sich in seinem Rollstuhl - wenn überhaupt draußen - nur eingeschränkt und verbringe mehr Zeit zu Hause als ihm lieb sei.

Von Christina Hein

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.