Zwei Frauen haben ein ungenutztes Telefonhäuschen zur Büchertauschbörse umfunktioniert

Romane mal anders: Telefonhäuschen zu Büchertauschbörse umfunktioniert

Immer neue Gratis-Lektüre: Hier stöbert Karl-Heinz Ott im Fundus der ungewöhnlichen Leihbücherei an der Querallee. Foto:  Herzog

Kassel. Kassels kleinste Leihbücherei ist nur zwei Kubikmeter groß: In einer alten gelben Telefonzelle an der Querallee kann sich seit einigen Wochen jedermann kostenlos im Tauschsystem mit Lesestoff versorgen. Wie sich inzwischen abzeichnet, funktioniert die Idee verblüffend gut.

Unter dem Motto „Geben und nehmen“ haben zwei Bewohnerinnen des Vorderen Westens die Initiative ergriffen und das von der Telekom ungenutzte Häuschen mit einem raumfüllenden Bücherregal ausgestattet. Darin finden Literaturfreunde ständig mehrere Dutzend Buchtitel aus allerlei Themen- und Wissensgebieten. Ein paar Zeilen auf einem Plakat erläutern die Idee: Wer sich Bücher mitnimmt, bringt sie nach einiger Zeit zurück - oder stellt neuen Lesestoff in die Zelle, sodass das Sortiment ständig wechselt.

Immer wieder bleiben Passanten neugierig stehen und mustern das ungewöhnliche Angebot. „Viele glauben gar nicht, dass sie nichts weiter tun müssen, als sich ein Buch zu nehmen“, sagt Lisa Hochmuth. Die 26-Jährige, die im Star-Club arbeitet, wollte eigentlich bloß ein altes Regal loswerden - damit fing die Sache an.

Die Mutter einer Freundin, Dorothea Kröll, erfuhr von dem überzähligen Möbel. Da fiel ihr die Zelle ein, in der schon seit über einem Jahr kein Telefon mehr hängt. „Daraus müsste man etwas machen“, hatte die 58-Jährige schon seit Längerem überlegt. Auch sie hatte etwas abzugeben: etliche Bücher, die bei einem Umzug aussortiert worden waren.

Schnell waren beide Anliegen „kreativ kombiniert“, erzählt Dorothea Kröll: Die beiden Frauen luden Bücher und Regal ins Auto und richteten kurzerhand die Selbstbedienungs-Bücherei ein - ohne Hinweis auf die Urheberinnen. „Wir haben niemanden gefragt und das auch nicht an die große Glocke gehängt“, berichtet Lisa Hochmuth. Schließlich sei nicht klar gewesen, ob das Angebot überhaupt angenommen oder bald von Vandalen kaputt gemacht werden würde.

Die Befürchtungen erwiesen sich als unbegründet. „Die Leute haben Freude daran“, bilanziert die 26-Jährige und ist darüber ihrerseits erfreut. Immer wieder stünden neue Werke im Regal, aber auch Kuscheltiere, Gläser, Schirme und andere Dinge würden manchmal in der Zelle für neue Interessenten bereitgelegt. „Die Menschen zeigen, dass sie gern etwas geben“, lautet Lisa Hochmuths Fazit.

Ortsvorsteher Wolfgang Rudolph, der bisher nichts über die Urheberinnen wusste, findet die Initiative „eine tolle Idee“. Hier werde Bürgersinn zum Wohl des Stadtteils deutlich, meinte er.

Telekom: Häuschen wird bald abgebaut

Die Deutsche Telekom plant, die alte gelbe Telefonzelle an der Querallee demnächst abzubauen. Es sei nicht möglich, sie einfach stehen zu lassen und auf Dauer als Bücher-Umschlagplatz zu dulden, sagte Telekom-Sprecher André Hofmann. Das habe mit der Haftungsfrage zu tun: „Alles, was dort passieren könnte, fiele in jeglicher Form auf uns als Eigentümer zurück.“ Für eine Übergangszeit sei eine solche Nutzung aber in Ordnung. Dass die seit einem Jahr funktionslose Zelle überhaupt noch am Ort stehe, liege daran, dass sich an ihrer Rückseite ein Schaltkasten für das Kabelfernsehen befindet. Für dieses Geschäft sei inzwischen die Firma Unitymedia verantwortlich. Derzeit werde zwischen beiden Firmen abgestimmt, wie man die Fernsehtechnik von der Zelle trennen kann, um diese abzuräumen.

Diese Perspektive brachte die Büchertausch-Mitinitiatorin Dorothea Kröll auf eine Idee: Sie will sich nun an den Ortsbeirat Vorderer Westen wenden und vorschlagen, ob man das abgebaute Häuschen irgendwie erwerben und als Stadtteilprojekt andernorts aufstellen könnte. (asz)

Nutzer sorgen sogar selbst für Reparatur

Auch in den Waldauer Wiesen kann man in einer Holzskulptur informell Bücher tauschen

Eine weitere Möglichkeit zum informellen Büchertausch in Kassel gibt es in den Waldauer Wiesen nahe der Schwimmbadbrücke. Dort steht eine Holzskulptur in Form eines großen F, in der sich Bücher verbergen - Ausleihen ist ebenso erwünscht wie die Bestückung mit neuem Lesestoff.

Das Objekt ist ein Teil des regionalen Kunstwanderwegs Ars Natura und nimmt Bezug auf das Deutsche Wörterbuch der Brüder Grimm. Neun solcher Buchstaben stehen in Nordhessens Landschaft. „Kassel bekam das F wegen der Fulda“, sagt der Spangenberger Künstler Sandrino Sandinista Sander, der die Skulpturen geschaffen hat und für den gesamten Kunst-Parcours verantwortlich zeichnet.

In dieser Rolle sind Sander und seine Mitarbeiter mehrmals monatlich zu Kontrollfahrten unterwegs, um die über 100 Kunstwerke in freier Natur auf Beschädigungen zu kontrollieren. Dabei hat der Künstler beim Kasseler F Bemerkenswertes festgestellt: Nicht nur werde das Büchertausch-Angebot von seinen Nutzern „sehr, sehr liebevoll behandelt“. Es gebe sogar irgendeinen guten Geist, der Defekte an der Bücherskulptur fachgerecht repariert.

Gelegentlich sei mal eine der Plexiglasklappen defekt gewesen, die die Bücher in ihren Fächern vor Wettereinflüssen schützen. Als das Wartungsteam dann erneut mit Reparaturmaterial angerückt sei, habe es verblüfft festgestellt, dass alles bereits erledigt war: Eine neue Klappe, fachgerecht ausgeschnitten, war mit passenden Scharnieren befestigt worden. „Ich weiß nicht, wer dahintersteckt“, sagt Sander. Es müsse „jemand sein, der Wert darauf legt, dass unser Objekt erhalten wird“.

In den Waldauer Wiesen sei ein viel regerer Bücheraustausch zu beobachten als in den anderen acht Buchstaben-Skulpturen entlang des Kunstpfades. Zum Start im Jahr 2007 hatte Sander das F mit einem Anfangssortiment rund um den Fluss und seine Geschichte bestückt. „Inzwischen kann man immer wieder Bücher zu neuen Themen finden“, freut sich Sander darüber, dass sich sein künstlerisches Thema „verselbstständigt“ habe. Er sagt, es sei ja gewissermaßen im Sinne der Bücher selbst, dass sie per Austausch von Hand zu Hand gingen.

Von Vandalismus-Vorfällen wisse er aus den vergangenen vier Jahren kaum zu berichten. Es sei allenfalls ein-, zweimal vorgekommen, dass einzelne Bücher zerrissen worden seien. (asz)

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