Extremsport oder waghalsiges Hobby?

Roofing in Kassel: Spektakuläre Fotos aus  schwindelerregender Höhe

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Blick in die Kasseler Fußgängerzone vom Landesmuseum: Dieses Motiv von Roofer Flavius zeigt die Kasseler Innenstadt, im Vordergrund den Brüder-Grimm-Platz. Am oberen Bildrand sind die Türme der Martinskirche zu erkennen, der Laser strahlt vom Zwehrenturm aus und in der Bildmitte ist die Königstraße mit Weihnachtsbeleuchtung zu sehen.

Kassel. Roofing wird immer populärer: Auch in Kassel gibt es Fotojäger, die sich für Aufnahmen in schwindelerregende Höhen begeben. Wir haben mit einem von ihnen gesprochen.

Das Gefühl kann er nicht beschreiben – vielleicht eine Mischung aus Freiheit, Freude oder auch Gelassenheit. Seit mehreren Jahren klettert Flavius auf Dächer oder auch Kräne in Kassel, um die Stadt aus diesen Perspektiven mit seiner Kamera auf Bildern festzuhalten. Dieser Trend, der sich vor allem über soziale Netzwerke verbreitet, heißt Roofing.

Seinen vollen Namen möchte der 24-jährige Kasseler nicht öffentlich nennen. Zwar ist Roofing (übersetzt: auf Dächer klettern) in Deutschland an sich nicht verboten, allerdings kann Anzeige wegen Hausfriedensbruchs drohen.

Flavius, wie sind Sie zum Roofing gekommen?

Flavius: Ich hab früher Geocaching gemacht, das ist eine Art digitale Schatzsuche. Irgendwann habe ich mir eine Kamera zugelegt, um die verlassenen Orte, an die ich so gekommen bin, zu fotografieren. Klettern war ich regelmäßig in der Kletterhalle. Vor fünf Jahren hab ich dann im Stadtgebiet nach versteckten Orten gesucht. Anfangs eher im Untergrund, zum Beispiel an der Straßenbahnhaltestelle unter dem Hauptbahnhof. Irgendwann war ich dann auch auf Dächern.

Für einige der Bilder begeben Sie sich in Lebensgefahr. Blenden Sie das aus?

Flavius: Für Außenstehende sieht es oft so aus, als ob ich verrückt bin und mich unnötig in Lebensgefahr begebe. Es stimmt, ich begebe mich beim Roofing in Gefahr, aber aus meiner Sicht macht das jeder täglich, sobald er mit einem Auto fährt. Durch Training minimiere ich körperliches Versagen. Meine größte Angst ist eher, dass das Material versagt.

Ihre Bilder könnten dazu verleiten, Ähnliches zu tun.

Flavius: Unsere Bilder sollen auf keinen Fall zum Nachmachen animieren. Ein Foto von einem Fallschirmspringer verleitet nicht automatisch, sich in die Tiefe zu stürzen. Wir sagen nicht, wie man auf die Dächer kommt. Bei unseren Aktionen verschaffen wir uns nicht gewaltsam Zutritt zu Gebäuden.

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Sie haben mit einer Gruppe von Roofern den Nordturm des Kölner Doms bestiegen. War das bislang Ihre waghalsigste Aktion?

Flavius: Das war mit den Visual Enemies. Die Aktion war für Deutschland schon eine der extremsten und hat große Aufmerksamkeit bekommen. Auch durch den Polizeieinsatz, der dadurch ausgelöst wurde. Ich habe keine Rangliste, wenn es um die Gebäude geht, auf die ich klettern möchte. Aber ich war auf dem vierthöchsten Haus der Welt, dem International Finance Center in Shenzen in China – 600 Meter über dem Boden.

Bei der Aktion in Köln gab es eine Anzeige wegen Hausfriedensbruch. Haben Sie auch schon Strafen bekommen?

Flavius:Ich wurde ein paar Mal erwischt. In Schanghai musste ich sieben Stunden auf der Polizeistation verbringen, nachdem ich dort auf den gut 400 Meter hohen Jin Mao Tower geklettert bin.

In Kassel haben Sie 2015 mit Fotos auf dem Kran am Herkules für Aufsehen gesorgt.

Flavius:Das stimmt. Spaziergänger hatten die Polizei gerufen, als sie uns gesehen haben. Es gab damals keine Strafe.

Auch das hält sie nicht davon ab, weiter Ihrem Hobby nachzugehen. Was sagen denn Ihre Eltern und Freunde dazu?

Flavius:Meine Freunde und Familie finden es zwar riskant und haben Angst um mich. Auf der anderen Seite finden sie es auch ganz cool und sind von den Bildern begeistert. Ich werde oft angesprochen und auch bei Instagram angeschrieben. Meist allerdings: Wo ist das? Wie kommt man da hoch? Auf solche Nachrichten reagiere ich nicht, da ich niemanden ermutigen möchte, es nachzumachen.

In Osteuropa ist Roofing populärer, weil man dort nicht mit einer Anzeige rechnen muss. Wo sind denn noch beliebte Ziele für Roofer?

Flavius: Ein bekanntes Ziel für Roofer ist auf jeden Fall Hongkong, da war ich schon. Ansonsten war ich zum Beispiel schon auf Dächern in China, Dubai, Bangkok, London und Rom.

Haben Sie dafür eine bestimmte Ausrüstung?

Flavius:Eine Ausrüstung zum Klettern habe ich zwar, aber selten dabei. Es dauert oft zu lange und ist sehr umständlich. Natürlich würde ich nicht auf die Sicherung verzichten, wenn ich mir das körperlich nicht zutraue. Die Kamera hab ich im Rucksack oder über der Schulter.

Die Fotos lassen darauf schließen, dass Sie meist nicht alleine unterwegs sind?

Flavius:Das Bild vom Schornstein in der Nähe des Platzes der Deutschen Einheit ist mit einer Drohne aufgenommen worden. An dem Tag war ich tatsächlich alleine unterwegs, allerdings sind wir meist zu zweit. Oft ist mein Freund Sir Lih dabei. Die Position des anderen ist vom Objekt abhängig. Auf einem Mast oder Turm zum Beispiel klettert einer vor, der dann Richtung Boden mit dem anderen Kletterer im Bild fotografiert.

Das sagt die Polizei zum Roofing

„Wenn jemand auf ein Gebäude klettert, dann ermittelt die Polizei nicht automatisch“, sagt Polizeisprecher Matthias Mänz. Die Anzeige wegen Hausfriedensbruch müsse der Hauseigentümer stellen. Das Strafmaß für Hausfriedensbruch kann mit einer Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr oder einer Geldstrafe geahndet werden. Werden Sachbeschädigungen zur Anzeige gebracht, kann es hier eine Freiheitsstrafe von zwei Jahren oder eine Geldstrafe geben. Wird ein Polizeieinsatz ausgelöst, muss der möglicherweise von den Roofern gezahlt werden.

Wer ist Roofer Flavius?

Flavius arbeitet als Personaldisponent. Gebürtig stammt er aus Kassel. Bis vor kurzem hat er im Landkreis Kassel gewohnt, jetzt ist Kassel wieder seine Heimat. In den nächsten Monaten plant er einen Onlineshop, in dem er seine Bilder verkaufen möchte. Bislang gibt es die Bilder auf Anfrage. Seine Aufnahmen will Flavius im Sommer auch in einer Fotoausstellung zeigen.

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