55-Jährige brachte Ex-Freund auf Anklagebank, weil er sie um Uhr und Schmuck gebracht habe

Rosenkrieg im Strafgerichtssaal

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Die Anklage lautete auf Unterschlagung und Diebstahl. Am Ende ließ Staatsanwalt Uekermann jedoch das Verfahren einstellen. Denn es ging wohl doch nur um die Scherben einer Liebesbeziehung.

Kassel. Die Anklage lautete auf Unterschlagung und Diebstahl. Am Ende ließ Staatsanwalt Uekermann jedoch das Verfahren einstellen. Denn es ging wohl doch nur um die Scherben einer Liebesbeziehung.

Irgendwann nahm Staatsanwalt Jan Uekermann die Brille ab, rieb sich die Augen und sah plötzlich sehr müde aus. Oder resigniert? Als wenig später der Fortgang der Verhandlung erörtert wurde, winkte der Anklagevertreter jedenfalls nur noch ab: „Wissen Sie was“, wandte er sich an den Angeklagten, „Sie zahlen tausend Euro zur Wiedergutmachung und wir stellen das Verfahren ein.“ Und so geschah’s dann auch.

Drei Stunden lang waren gestern vor dem Kasseler Amtsgericht die Scherben einer vormaligen Liebesbeziehung ausgebreitet worden. Und es waren scharfkantige Scherben: Wegen Unterschlagung und Diebstahls hatte eine 55-Jährige ihren vier Jahre jüngeren Ex-Freund angezeigt und die Staatsanwaltschaft Anklage erhoben: Der 51-Jährige habe eine 16.000 Euro teure Rolex-Uhr seiner Freundin verkauft sowie weiteren Schmuck ins Pfandhaus getragen. Ohne ihr Wissen. Und den Erlös habe er für sich ausgegeben.

Alles Quatsch, verkündete jedoch der Angeklagte: Nichts habe er ohne Auftrag der Frau getan, jeden Cent und jeden Pfandschein habe er ihr brav abgeliefert. „Ich verstehe den Vorwurf nicht“, sagte der 51-Jährige. „Die einzige Erklärung dafür ist, dass sie darunter gelitten hat, dass die Beziehung zu Ende gegangen ist.“ Woran die Liebe nach gut einem Jahr zerbrochen war, gehörte freilich bereits zu den zahllosen Punkten, in denen die Darstellungen kaum weiter hätten auseinanderklaffen können.

Sie sagte, dass sie eines Tages einfach abgehauen sei, weil er sie geschlagen, betrogen, belogen, erpresst habe: „Er hat mich nur benutzt.“

Er sagte, dass er sich getrennt habe, weil sie partout ihren Job nicht habe aufgeben wollen, den sie vor Gericht selbst als „Kleingewerbe mobile Massage“ beschrieb. Oder weniger vornehm: käuflicher Sex. „Sie wollte sich keine normale Arbeit suchen, weil die Verdienstmöglichkeiten als Prostituierte besser seien.“

Als Wohltäter stellte sich der Angeklagte dar, der die gewerblichen Anzeigen und die Wohnungen seiner Freundin finanzierte, der ihr half, wo er nur konnte, und von einer Heirat träumte. Sie dagegen behauptete: „Ich musste immer nur zahlen, zahlen, zahlen – er hat mich ausgesaugt, wie man nur aussaugen kann.“

Wie es wirklich war, wäre vor Gericht wohl nur mühsam zu klären gewesen, wenn überhaupt. Doch dann räumte die 55-Jährige überraschend ein, dass es während ihrer Beziehung gang und gäbe gewesen sei, Schmuck zu verpfänden. Und, ja, auch mit einem Verkauf der Rolex sei sie einverstanden gewesen. Aber das Geld dafür, daran hielt die Frau stur fest, habe sie nie gesehen. Trotzdem blieb nach dieser Aussage vom Anklagevorwurf so wenig übrig, dass das Verfahren eingestellt werden konnte. (jft)

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