Stadt verhindert weiteren Bau in Bettenhausen – 1000 Spielsüchtige in Kassel

Rote Karte für Spielhalle

An der Leipziger Straße blinkt es: In der Nähe dieses Casinos hat die Stadt den Bau einer weiteren Spielhalle untersagt. Rechtlich ist das nicht einfach. Foto:  Koch

Kassel. „Wir wollen nicht zum Spielhallen-Stadtteil werden“, sagt Peter Tippmann, der Ortsvorsteher von Bettenhausen. An der Leipziger Straße und an der Sandershäuser Straße gibt es bereits Standorte für die Daddelautomaten. Einen weiteren an der Heiligenröder Straße hat die Stadt erst einmal verhindert. Rechtlich gibt es dafür bislang nur wenige Möglichkeiten. Der Betrieb von Spielhallen mag zwar vielen ein Dorn im Auge sein, er ist aber völlig legal. Wenn sich die Spielhallen in einem Quartier allerdings häufen, dann kann man dagegen vorgehen. Genau das macht die Stadt in Bettenhausen jetzt. „Das ist rechtlich nicht ganz einfach, aber wir werden alles tun, um weitere Spielhallen zu verhindern“, sagt Stadtbaurat Dr. Joachim Lohse (parteilos).

Spielhallen sind nicht nur für die Politik ein Ärgernis, sondern auch eine echte Gefahr. „Die Zahl der Spielsüchtigen steigt von Jahr zu Jahr“, sagt Petra Hammer-Scheuerer, die die Beratungsstelle für Glücksspielsucht beim Diakonischen Werk leitet.

Diese Entwicklung sei nicht nur auf Kassel beschränkt, sondern bundesweit zu beobachten.

„Selbst 16-Jährige, die eigentlich noch gar nicht in Spielhallen gehen dürften, gehören zu unseren Klienten.“

Petra Hammer-Scheuerer Beratungsstelle Spielsucht

Sie schätzt, dass in Kassel mindestens 1000 Menschen spielsüchtig sind. Im vergangenen Jahr habe es 200 Beratungsgespräche gegeben. Aktuell nehmen 17 Spielsüchtige eine ambulante Therapie in Anspruch. „Selbst 16-Jährige, die eigentlich noch gar nicht in Spielhallen gehen dürften, gehören zu unseren Klienten“, sagt Petra Hammer-Scheuerer. Die Spielesucht gehe quer durch alle sozialen Schichten. Auffällig sei, dass viele Süchtige einen festen Arbeitsplatz hätten. „Bankmitarbeiter sind ebenso dabei wie Beschäftigte von VW“, sagt die Fachfrau. Für die Kommunen sei es bislang schwierig, gegen die zunehmende Zahl von Spielhallen vorzugehen. Bund und Länder seien in der Pflicht, entsprechende Verordnungen zu erlassen.

Die Verhandlungen über einen neuen Glücksspielstaatsvertrag laufen derzeit. Unter anderem soll darin festgeschrieben werden, dass die Hallen mindestens 1000 Meter voneinander entfernt sein müssen, nicht mehr als zwölf Automaten aufgestellt werden dürfen und eine strikte Ausweiskontrolle vorgeschrieben wird. In Kassel gab es Ende 2010 nach Angaben der Kämmerei 28 Spielhallen-Standorte, die teilweise von mehreren Betreibern genutzt wurden. Die Stadt nimmt jährlich etwa eine Million Euro aus der Spielapparatesteuer ein.

Im vergangenen Jahr sorgte eine geplante Spielhalle in dem leer stehenden Haus Leipziger Straße 258 für Diskussionen. In dem Gewerbegebiet gab es keinen Bebauungsplan, der Antrag musste deshalb genehmigt werden. „Bisher ist auf dem Gelände zum Glück noch nichts passiert“, sagt die SPD-Stadtverordnete Ellen Lappöhn aus Bettenhausen. Möglicherweise auch deshalb, weil direkt gegenüber das neue Polizeirevier Ost eingezogen ist.

Von Thomas Siemon

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