Auch neuer Wohnraum könnte in Rothenditmold entstehen

Henschelareal: Investor will ehemaliges Fabrikgelände in Kassel zu urbanem Quartier machen

Soll zum urbanen Quartier werden: Das ehemalige Fabrikgelände der Firma Henschel in Rothenditmold.
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Soll zum urbanen Quartier werden: Das ehemalige Fabrikgelände der Firma Henschel in Rothenditmold.

Vor wenigen Wochen hat der Berliner Investor „Sector7“ das Henschelgelände in Kassel-Rothenditmold gekauft. Das Unternehmen will auf dem zehn Hektar großen ehemaligen Fabrikgelände Wohnen, Arbeiten, Kultur und Sport vereinen.

Im Interview spricht Unternehmer Martin Hintze über seine Ideen und worin er das Potenzial des Quartiers sieht.

Herr Hintze, warum gerade Kassel?
Das fragt sich sicherlich der eine oder andere. Wir haben uns mit dem Standort auseinandergesetzt und entwickeln bereits eine Immobilie am Holländischen Platz. Wir sehen in Kassel als Stadt viel Potenzial. Die Universität ist ein Anziehungspunkt, es gibt eine aktive Unternehmenslandschaft. Dazu kommt eine sich weiter entwickelnde Kulturszene – auch über die documenta hinaus. Man spürt eine Aufbruchstimmung. Das zeigt sich zum Beispiel in der Gastroszene, in der sich viel tut. Wir wollen mit dem Henschelquartier einen Beitrag zu dieser Stimmung leisten, der über die Stadt hinaus, vielleicht sogar deutschlandweit, die Attraktivität von Kassel steigern kann.
Wie soll das konkret aussehen?
Das Henschelquartier ist ein Objekt mit einer interessanten Geschichte, einem kennzeichnenden industriellen Charakter und einer markanten Architektur. Hinzukommt die innerstädtische Lage. Derzeit ist das Gelände eine Brache, die sich vom Rest des Stadtteils ein Stück weit abgekapselt hat. Hier besteht eine Chance, ein nachhaltiges Quartier zu schaffen, bei dem aber auch der historische Charakter erhalten bleibt. Unser Ziel wäre es, alle Vorzüge des städtischen Lebens dort zu vereinen – Wohnen, Arbeiten, Kunst, Kultur, Sport und Erholung. Die Fläche ist entsprechend groß, um dort all das unterzubringen. Wir sehen Potenzial, das Quartier zu einem lebendigen und spannenden Raum zu machen.
Viele Bereiche, die Sie angesprochen haben, sind auf dem Gelände schon ansässig. Wird es für die Mieter eine Perspektive geben?
Momentan sind auf dem Areal Künstler, Museen und die Skatehalle Mr. Wilson. Hinzukommen kleinere und mittlere Industrie- und Handwerksbetriebe. Wir sind durch das Kasseler Unternehmen Heindrich Immobilien bereits mit den Mietern im Gespräch. Wir wollen für alle nachhaltige Lösungen finden, die eine Perspektive für die Zukunft bieten. Wir wollen alle einbeziehen. Was Künstler, Skater und Museen betrifft, kann ich bestätigen, dass sie auch in Zukunft zum Charakter des Quartiers beitragen sollen. Wir sehen es als Vorteil, dass es Nutzer gibt, die sich stark mit dem Standort identifizieren und ihm einen Charakter geben. Das ist für uns eine Chance und wir fänden das gut, wenn das auch zukünftig so wäre.
Wie sind Sie in Rothenditmold aufgenommen worden?
Das Schöne ist, wir kommen ganz frisch dazu und schauen unbelastet auf die Situation. Wir haben den Eindruck, dass alle daran interessiert sind, eine gute Nutzung für das Gelände zu finden und daran mitarbeiten wollen. Das ist ein guter Start.
Wohnmöglichkeiten gibt es auf dem Henschelareal bislang keine. Wie könnte das zukünftig aussehen?
Der Bereich Wohnen könnte dort ein zentrales Element werden – dabei soll die bisherige denkmalgeschützte Architektur erhalten bleiben. Wohnungen könnten im Bestand, aber auch in Neubauten entstehen.
Wie kann man sich Wohnungen in den historischen Hallen vorstellen?
Das ist eine gute Frage. Momentan sind wir dabei, ein Konzept zu erarbeiten, wie das möglich sein könnte. Deshalb können wir da noch nichts Konkretes vorweisen. Aber ich glaube, es gibt viele Beispiele, wo sich für diese spannende Mischung von Neu- und Bestandsbauten in Industriedenkmälern ansprechende Lösungen gefunden haben. Ein Beispiel ist die ehemalige Baumwollspinnerei in Leipzig, die ist allerdings schwerpunktmäßig auf Kultur ausgerichtet. Das kann man hier nicht eins zu eins umsetzen, aber mit Kassel als kunstaffiner Stadt sehen wir auch dort Potenzial. Wir schauen im Moment, was Elemente sind, die an anderen Stellen gut funktionieren und wie sie sich in Kassel integrieren lassen.
Wäre das Henschelgelände erneut als documenta-Standort denkbar?
Ja, wenn sich die künstlerische Leitung bei uns meldet, würden wir die documenta natürlich wieder herzlich gern willkommen heißen. Das fänden wir toll.
In welchem Zeitraum soll die Fläche entwickelt werden?
Auch dazu ist es zu früh, etwas zu sagen. Das hängt davon ab, wie schnell die Bebauungsplanverfahren die Gremien der Stadt Kassel durchlaufen. Ich kann nur sagen, wir wollen zügig vorankommen.
Lässt sich eine Summe nennen, die Sie investieren wollen?
Das ist gerade ebenfalls noch schwer zu beantworten. Aus meiner Sicht ist das Konzept entscheidend – darauf sind wir jetzt erstmal fokussiert und nicht auf die Summe, die in die Umsetzung investiert werden muss. Wenn wir mit der Stadt und den Interessengruppen erarbeitet haben, wie groß die Anteile der bereits erwähnten Bereiche auf dem Gelände sein werden, kann man das in eine Summe fassen. Das wäre jetzt zu früh.
Mit Blick auf das Salzmann-Gelände sind die Kasseler mittlerweile etwas skeptisch, was die Entwicklung von Industriebrachen angeht. Was setzen Sie dem entgegen?
Ich bin mit der konkreten Situation dort nicht so vertraut. Beim Henschelquartier haben wir die Chance, aufgrund der innerstädtischen Lage und der Größe einen Standort zu schaffen, der Leuchtturmcharakter hat und eine gesunde, urbane Mischung hat. Da sehe ich die Chance.
In Rothenditmold leben viele sozialschwache Familien, der Migrationsanteil ist hoch. Wie versuchen, Sie den Sprung zu schaffen, alle Bewohner im Stadtteil mitzunehmen?
Wir wollen mit allen Interessierten in Dialog treten und offen darüber sprechen, was wir vorhaben. Auch mit den Anwohnern. Der Ortsbeirat soll in die Planungen mit einbezogen werden. In dem Bebauungsplanverfahren wird es auch eine entsprechende Bürgerbeteiligung geben, das halten wir für ganz wichtig. (Kathrin Meyer)
Seit Jahren ein Thema: Entwicklung und Erhalt des historischen Henschelgeländes in Rothenditmold. Archivfoto: Stefan Rampfel

Zur Person

Dr. Martin Hintze (50) hat mit zwei Geschäftspartnern 2019 das Unternehmen Sector7 gegründet. Die drei arbeiten und investieren gemeinsam bereits seit zwölf Jahren in Projekte größtenteils in Berlin und im Umland der Hauptstadt, aber auch deutschlandweit. In Kassel hat Sector7 bereits ein Projekt unweit der Universität am Holländischen Platz. Sector7 investiert nach eigenen Angaben nicht nur in Immobilien, sondern auch in Unternehmen. Hintzes Schwerpunkte sind da die Bereiche Erneuerbare Energien, nachhaltige Ernährung und Bildung. Er lebt mit seiner Familie in Berlin. 

Hintergrund

1873 wurde das Henschelwerk in Rothenditmold gegründet. Mit der Auslieferung der 33 000. Lok endete 1991 die Ära der Henschel-Lokomotiven. Durch Aus- und Zergliederungen der Firma Thyssen Henschel 1998 fand die lange Geschichte der Henschelei ihr Ende. Seitdem hatte der Industriestandort verschiedene Eigentümer und liegt in großen Teilen seit vielen Jahren brach. Bislang fehlte es an einem Nutzungskonzept, um die gesamte Fläche erschließen zu können. Auch hatten die auf dem Gelände ansässigen Museen, das Künstler-Netzwerk Hammerschmiede und der Skateboardverein Mr. Wilson nur befristete Mietverträge. 

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