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Ravi Kühnel war mit dem 9-Euro-Ticket erstmals an der Nordsee

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Von: Kathrin Meyer

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9-Euro-Ticket: Zukunftsfähig oder einmal Projekt?
9-Euro-Ticket: Zukunftsfähig oder einmal Projekt? (Symbolbild) © Boris Roessler/dpa

Für Ravi Kühnel ist der Sommer in diesem Jahr ein besonderer gewesen. Das 9-Euro-Ticket hat ihm erstmals einen Besuch an der Nordsee ermöglicht.  

Kassel – Für Ravi Kühnel ist der Sommer in diesem Jahr ein besonderer gewesen. Der Kasseler hat Freunde getroffen und einige Tage in Hamburg verbracht. Was für viele Menschen selbstverständlich klingen mag, ist dem 27-Jährigen nach eigener Aussage sonst ohne Weiteres aber nicht möglich. Dass er jetzt erstmals auf den Horizont der Nordsee blicken konnte, verdankt Kühnel dem 9-Euro-Ticket.

Kühnel lebt von Grundsicherung und hat zudem eine geringfügige Beschäftigung. In Rothenditmold, wo er wohnt, erledigt er die meisten Dinge zu Fuß. Bevor er sich eine Fahrkarte kauft, überlegt er, ob das denn wirklich notwendig ist. Von Anfang Juni bis Ende August musste er das nicht mehr. Denn das 9-Euro-Ticket habe ihm Freiheiten gegeben, die er vorher nicht hatte.

Bei seinen vielen Fahrten, die er gar nicht mehr alle aufzählen kann, kommen einige Stunden an Reisezeit zusammen. Der Tag mit dem zeitlich begrenzten deutschlandweit gültigen Ticket in Cuxhaven war für Kühnel „der absolute Höhepunkt“. Als Kind war Ravi Kühnel mal mit einer Jugendferienfreizeit an der Ostsee. An der Nordsee war er noch nie. Dorthin ist er dann von Hamburg aus gefahren, wo er einige Tage bei Freunden verbracht hat. Auch mehrere Veranstaltungen zum Christopher-Street-Day hat Kühnel in ganz Deutschland besucht. „Ich hab dort Menschen kennengelernt, mit denen ich immer noch in Kontakt stehe“, sagt er.

Mit dem 9-Euro-Ticket in Hamburg: Ravi Kühnel vor den Kränen des Hafens. Von Hamburg aus ist er dann erstmals mit dem Zug an die Nordsee gefahren.
Mit dem 9-Euro-Ticket in Hamburg: Ravi Kühnel vor den Kränen des Hafens. Von Hamburg aus ist er dann erstmals mit dem Zug an die Nordsee gefahren. © privat

„Einige Menschen, die ich mittlerweile Freunde nenne, hatte ich zuvor nur digital und noch nie im wirklichen Leben gesehen.“ Kühnel spricht von sozialer Teilhabe, die durch das Ticket möglich geworden ist. Auch einen Facharztbesuch in Hannover hätte er ohne das 9-Euro-Ticket nicht wahrnehmen können. In einigen Zügen sei es durchaus voll gewesen, berichtet Kühnel. Das sei aber immer davon abhängig, wohin man unterwegs sei. Durchgängig viele Reisende hätten die Züge in Richtung Norden genommen. Aber nur bei einer Fahrt von Duisburg nach Kassel habe er mal das Gefühl gehabt, dass nichts mehr geht, weil der Zug einfach überfüllt war.

Kühnel geht gern wandern. Normalerweise ist sein Radius dafür beschränkt. „Jetzt konnte ich einfach mal nach Hann. Münden mit dem Zug fahren und dort eine Tour machen. Oder einige Stunden aus der Stadt herauslaufen und zurück mit dem Bus fahren.“ In Rothenditmold sei das 9-Euro-Ticket ein großes Thema gewesen. Wie Kühnel ging es dort vielen Bewohnern und damit steht der Stadtteil wohl exemplarisch für viele andere, in denen überwiegend Menschen mit geringem Einkommen wohnen, die zudem über kein eigenes Auto verfügen.

Im Stadtteil habe sich in der Zeit des 9-Euro-Tickets vieles verändert und den Bewohnern Möglichkeiten gegeben, die für sie sonst nicht selbstverständlich seien. „Ich bin nicht der Einzige, der überlegt, wann er aus Kostengründen den Bus nimmt und wann nicht“, sagt Kühnel. Im geplanten 49-Euro-Ticket sieht er nicht wirklich eine Alternative. Für ihn sind 49 Euro im Monat zu viel. Aus seiner Sicht habe man verpasst, eine vergünstigte Sozial-Variante zu integrieren. Seine Partnerin in Kiel kann Kühnel derzeit nur selten besuchen. Mehr ist finanziell nicht drin. Beim 9-Euro-Ticket habe es sich gerechnet, eine längere Fahrzeit in kauf zu nehmen. „Ich vermisse diese Zeit“, sagt Kühnel. (Kathrin Meyer)

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