Ärztemangel 

Familien sind verzweifelt: Kasseler Stadtteil Rothenditmold ist ohne Kinderarzt

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Hat keinen Kinderarzt mehr: Melek Kethüda mit ihren Kindern Eleysa (2), Kemal (3) und Kaan (10). 

Rothenditmold ist der kinderreichste Stadtteil Kassels. Doch aktuell gibt es dort weder einen Kinderarzt, noch genügend Betreuungsplätze.

  • Ärztemangel in Kassel
  • Kinderärztin in Rothenditmold geht in den Ruhestand
  • Suche nach Nachfolger gestaltete sich schwierig

Kassel - Im Stadtteil Rothenditmold gibt es nun weder einen Kinderarzt noch genügend Betreuungsplätze. Eigentlich war aus diesen Gründen für Dienstag ein Elternprotest geplant – der findet allerdings nicht statt – wegen der generellen Beschränkungen während der Coronakrise.

Die bisherige Kinderärztin Ortrud Lind-Weitzel hatte am Dienstag nach mehr als 30 Jahren ihren letzten Arbeitstag. Sie geht in den Ruhestand. Die Nachfolgersuche gestaltete sich bislang schwierig. 

Kassel: Kinderarzt für Rothenditmold - Lösung eventuell ab August

Möglicherweise hat sich jetzt „überraschend“, wie die Ärztin selbst sagt, eine Lösung ab August gefunden. Zurzeit zeichne sich ab, dass die Praxis in den bisherigen Räumen mit einer halben Stelle für einen angestellten Kinderarzt besetzt werde.

Doch aktuell stehen viele Rothenditmolder ohne Kinderarzt da. Eine von ihnen ist Melek Kethüda. Die 33-Jährige lebt mit ihrem Mann und ihren drei Kindern in Rothenditmold in Kassel. Nachdem sie erfahren hat, dass Ortrud Lind-Weitzel in den Ruhestand geht, hat Melek Kethüda alle Kinderärzte in der Umgebung abtelefoniert.

„Vergeblich“, sagt sie. „Alle sagen, dass sie überfüllt sind und keine neuen Patienten mehr aufnehmen können. Ich weiß nicht, was ich jetzt machen soll, wenn eines meiner Kinder krank wird.“

„80 bis 90 Prozent meiner Patienten haben, wenn auch zum Teil unter Vorbehalt, einen neuen Kinderarzt gefunden – ein Kraftakt für alle Beteiligten“, sagt Ortrud Lind-Weitzel aus Kassel.

Kassel: Kinderarzt und Kita-Plätze fehlen im Stadtteil Rothenditmold

Gerade Rothenditmold braucht ein niederschwelliges Angebot im Stadtteil, bestätigt Ortsvorsteher Hans Roth. Beim Anteil der Kinder unter sechs Jahren liege Rothenditmold mit 7,5 Prozent auf Rang 1. Ebenso was den Anteil an Haushalten mit Alleinerziehenden angehe.

Zur fehlenden kinderärztlichen Versorgung kommt der Mangel an Betreuungsplätzen. „Ich sehe seit Jahren so viel verschenktes Potenzial bei den Kindern in den Vorsorgeuntersuchungen“, sagt Ortrud Lind-Weitzel. Bis sie mit vier, manchmal auch erst mit fünf Jahren in die Kita kämen, sei die fehlende Förderung kaum noch aufzuholen.

„Das Problem ist nicht neu“, sagt Hans Roth. Der Ortsbeirat weise die Stadt seit Jahren daraufhin. Man vermute, dass durch fehlerhafte Prognosen eine Reaktion zur Schaffung neuer Kita-Plätze verschlafen worden sei.

Kassel: Ob Kethüda einen Kita-Platz für Tochter Eleysa bekommt, ist ungewiss

Melek Kethüda hat ihre Tochter Eleysa bereits kurz nach ihrer Geburt in der Kindertagesstätte Zierenberger Straße angemeldet, die auch deren Bruder Kemal besucht. Ob sie dort einen Platz bekommt, ist ungewiss. Melek Kethüda und ihr Mann arbeiten im Schichtdienst, deshalb bringt die Großmutter die Kinder in die Kindertagesstätte.

„Meine Mutter hat kein Auto, sie kann nicht mal eben in einen anderen Stadtteil fahren, um die Kinder in die Betreuung zu bringen“, sagt die 33-Jährige.

Laut Ortsvorsteher Roth sollen mindestens 150 Plätze für das kommende Kita-Jahr fehlen. Die Zahl beziehe sich nur auf die Kita-Plätze und nicht den Bedarf an U-3-Betreuung.

Alle geplanten Angebote, darunter die neue Kita der AWO an der Wolfhager Straße und ein Anbau an die Kita Zierenberger Straße, werden frühestens 2021 zur Verfügung stehen.

In Rothenditmold würde leichter ein Problem geschluckt, als vor Gericht gestritten. So ist dem Ortsvorsteher nicht bekannt, dass der Anspruch auf einen Kita-Platz in Rothenditmold eingeklagt wurde. Das wäre in Wilhelmshöhe unvorstellbar.

Kassel: Kinderarztmangel könnte sich verschärfen

Volle Wartezimmer, genervte Eltern, quengelnde Sprösslinge und Kinderarztpraxen am Limit ihrer Kapazitäten: In Kassel, so scheint es, sind Kinderärzte Mangelware. „Wir haben weniger Ärzte bei gestiegenen Anforderungen“, hatte der Obmann der nordhessischen Kinderärzte, Thomas Lenz, vor einiger Zeit gegenüber der HNA erklärt. Er befürchtet, dass sich die Situation verschärfen wird.

„Wir haben in Deutschland generell das Problem eines Ärztemangels“, sagt Dr. Karin Müller, Leiterin des Gesundheitsamtes Region Kassel. In Bezug auf Kinderärzte bereiten ihr die Berechnungen der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) in Hessen Sorgen. Danach kann nämlich in Kassel von einer Unterversorgung mit Kinderärzten keine Rede sein. Im Gegenteil gibt es nach KV-Berechnungen sogar eine Überversorgung von 125 Prozent, errechnet nach einem festgelegten Schlüssel.

Kassel: 21 Kinder- und Jugendärzte praktizieren

An Runden Tischen sei das Problem in der Vergangenheit behandelt worden, so Müller. Nach Angaben der KV praktizieren derzeit in Kassel 21 Kinder- und Jugendärzte. Im Landkreis Kassel 14. „Rechnerisch gibt es keinen Mangel“, sagt Stefan Kobisch von der KV in Kassel. Dieser Mangel sei gefühlt und könne sich in den Hochzeiten von Infektionskrankheiten verstärken.

„Dann sind sowieso alle Sprechzimmer voll.“ Allerdings räumt er ein, dass die Kinderarztpraxen nicht gleichmäßig über die Stadt verteilt sind. Während etwa im Vorderen Westen fünf Kinderärzte verzeichnet sind, gibt es in Waldau keinen einzigen. Wo sich Kinderärzte niedergelassen haben, sei gewachsen und nicht gesteuert.

Kassel: Weitere Kinderärzte gehen bald in Rente

„Die Kasseler Kinderärzte sehen mit großer Besorgnis auf das Problem der perspektivisch wegfallenden Kinderarztsitze“, sagt Phillip Koch, Kinderchirurg in einer Kinderarztpraxis in Kassel, der demnächst seinen Facharzt machen will. In den nächsten Monaten werden voraussichtlich ein Kinderarzt in Nord-Holland und einer in Kassel-Mitte in Rente gehen. Wie steht es da um die Nachfolge?

Koch ist darüber verärgert, dass er kürzlich von der KV einen Kinderarztsitz im südhessischen Neu-Isenburg angeboten bekommen hat. Er fühle sich „abgeworben“. Um so mehr, als er noch gar kein Facharzt sei. Sein Vorwurf: Die KV tut nicht genug, um Kinderarztsitze in Kassel nachzubesetzen.

„Der drohende Verlust einer Kinderarztpraxis in Rothenditmold zeigt die Schwächen des deutschen Gesundheitssystems“, sagt Heidi Reimann, SPD-Stadtverordnete in Rothenditmold. Eine flächendeckende Versorgung ist weder vorgesehen noch wird sie durch die Kassenärztliche Vereinigung forciert. Hier zähle nur die Gesamtzahl der Ärzte

Kassel: Stadtverordnete fordert Kinderarzt für Rothenditmold

„Rothenditmold ist der kinderreichste und autoärmste Stadtteil in Kassel. Es gibt viele Alleinerziehende und viele, die gegen Armut zu kämpfen haben. Wir brauchen eine Kinderarztpraxis vor Ort, bei der nicht schon die Anreise eine Herausforderung ist“, sagt Violetta Bock, Rothendimolder Stadtverordnete der Linken. Wenn sich kein Arzt finde, sei die Stadt in der Verantwortung die gesundheitliche Versorgung sicher zu stellen.

Auch Dorothee Köpp, gesundheitspolitische Sprecherin der Grünen-Fraktion, sieht die Stadt in der Pflicht, tätig zu werden und der Daseinsvorsorge nachzukommen.“

Seit fast 30 Jahren arbeitet Ortrud Lind-Weitzel als Kinderärztin in Rothenditmold. Seit einiger Zeit sucht die 63-Jährige einen Nachfolger für ihre Praxis – bislang vergeblich.

Für Eltern wird es immer schwieriger, einen Kinderarzt in Kassel zu finden. Viele Mediziner haben einen Aufnahmestopp verhängt, Wartezimmer sind voll. Und es wird noch schlimmer, sagen Experten.

In Nordhessen gibt es einen Ärztemangel

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