Nachgefragt: Die Geschichten des Jahres

Kasselerin Romina Esposito rettete niedergestochenen Frau das Leben

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Sie wird im Prozess als Zeugin aussagen: Romina Esposito eilte im Juli einer 27-jährigen Frau nachts zur Hilfe, die in Rothenditmold bei einem Raubüberfall nieder gestochen worden war.

Kassel. Manchmal lohnt es sich, am Ende des Jahres nachzufragen: Romina Esposito rettete im Juli einer fremden Frau das Leben. Im Interview erzählt sie, wie es ihr damit heute geht.

Romina Esposito (28) hörte in der Nacht zum 10. Juli dieses Jahres Hilferufe, als sie in der Wohnung ihrer Eltern, die in den Urlaub gefahren waren, übernachtete. Die Frau ging zum Fenster und rief, was denn los sei. Weitere Hilferufe folgten.

Daraufhin zögerte die alleinerziehende Mutter nicht mehr: Sie zog sich ihre Schuhe an und lief auf die Frankenberger Straße in Rothenditmold. Vier Häuser weiter entdeckte sie eine junge Frau, die blutüberströmt im Hausflur lag. „Die hat nur noch Blut, Blut, Blut gesagt, ansonsten war sie nicht mehr ansprechbar“, erzählte Romina Esposito damals der HNA.

Sie kümmerte sich um die Frau und schrie, dass jemand einen Notarzt rufen sollte. Wie sich später herausstellte, war das 27-jährige Opfer von einem Mann lebensgefährlich mit einem Messer verletzt worden. Der Täter hatte es auf die Handtasche der Frau abgesehen. Ende Juli war der 36-jährige Mann von der Polizei gefasst worden. Wir sprachen mit Retterin Romina Esposito darüber, wie sie mittlerweile die Tat verarbeitet hat.

So stand es am 11. Juli dieses Jahres in der HNA: Romina Esposito hatte einer jungen Frau, die Opfer einer Gewalttat geworden war, geholfen.

Am Tag nach der Tat sagten Sie, dass Sie unter Schock stehen. Wie geht es Ihnen mittlerweile?

Romina Esposito: Mittlerweile besser. Die erste Zeit nach der Tat hatte ich Angstzustände. Da habe ich mich kaum aus dem Haus getraut. Da mein Bild auch in der Zeitung zu sehen war, hatte ich Angst, dass der Täter mich irgendwo abfangen könnte. Es war für uns alle eine sehr große Erleichterung, als der Verdächtige gefasst worden ist. Am Anfang hatte ich auch Albträume, das hat sich mittlerweile aber gelegt.

Würden Sie trotz der psychischen Auswirkungen wieder einem Menschen in Not helfen?

Esposito: Viele meiner Freunde haben gesagt, sie hätten es nicht gemacht. Aus Angst. Mir war das in dem Moment egal, ob mir etwas hätte passieren können. Die Hauptsache war: Ich konnte der Frau helfen. Und ich würde es auch wieder tun.

Ihre Eltern waren ja im Urlaub, als die Tat passiert ist. Wie haben sie reagiert, als sie gehört haben, dass Sie dem Opfer zur Hilfe geeilt sind?

Esposito: Die waren sehr stolz auf mich, zeigten sich aber auch ängstlich. Sie sagten, es gibt nicht viele Menschen, die so gehandelt hätten. Mein Sohn war auch ganz stolz. Er sagte: Mama, das hätte ich auch gemacht.

Haben Sie sich später mit der 27-jährigen Frau getroffen, der Sie in dieser Nacht geholfen haben?

Esposito: Das hat einige Zeit gedauert. Im Krankenhaus durfte ich sie ja nicht besuchen. Und später habe ich dann ein bisschen gezögert, weil ich Angst vor den ganzen Fragen hatte. Ich dachte, dann kommen wieder die Bilder bei mir hoch. Als wir uns dann getroffen haben, hat sie sich mehrfach bei mir bedankt. Sie wollte mir auch etwas schenken, das wollte ich aber nicht. Es ist doch selbstverständlich, jemanden in der Not zu helfen. Wir sind auch noch immer im Kontakt. Wir schreiben uns regelmäßig Nachrichten.

Hat die Frau sich daran erinnert, dass Sie ihr geholfen haben?

Esposito: Nein. Sie hat mich nicht gesehen, sie hat nur schwarz gesehen.

Haben Sie durch das Erlebnis Ihr persönliches Verhalten geändert?

Esposito: Ich bin distanzierter geworden und kann nicht mehr auf Fremde so gut zugehen. Vor ein paar Tagen, als es geregnet hat, wollte ein fremder Mann seinen Schirm über mich halten. Das habe ich abgelehnt. Ich laufe nachts auch nicht mehr alleine draußen herum. Vor der Tat bin ich nachts auch mit der Straßenbahn nach Hause gefahren. Mittlerweile nehme ich mir ein Taxi.

Haben Sie sich Hilfe gesucht?

Esposito: Ich war bei der Opfer- und Zeugenhilfe. Die haben mir geraten, zu einem Therapeuten zu gehen. Dafür fehlt mir aber die Zeit. Ich mache gerade meinen Hauptschulabschluss nach, die Prüfungen sind im kommenden Mai.

Was für Pläne haben Sie danach?

Esposito: Anschließend möchte ich gern eine Ausbildung in einem Büro machen. Man wird irgendwann erwachsen und denkt sich: Man muss aus seinem Leben etwas machen.

Im Februar findet der Prozess gegen den Tatverdächtigen statt. Sie sind als Zeugin geladen. Was haben Sie dabei für ein Gefühl?

Esposito: Ich habe Bammel davor, den Mann zu sehen. Ich frage mich die ganze Zeit, was geht in so einem Menschen vor, der eine Frau niedersticht, nur um an ihre Handtasche zu kommen. Die hat er ja auch noch stehen lassen. Es wäre schön, wenn man bei der Verhandlung eine Antwort bekommen würde.

Was haben Sie einen Wunsch für 2018?

Esposito: Dass ich meinem Kind etwas bieten kann. Mein siebenjähriger Sohn ist mein größtes Hobby.

Zur Person: Romina Esposito

Romina Esposito (28) wurde in Kassel geboren und ist hier auch aufgewachsen. Sie besuchte die Offene Schule im Stadtteil Waldau. In den vergangenen Jahren hatte die junge Frau verschiedene Gelegenheitsjobs. Derzeit holt sie ihren Hauptschulabschluss nach und will dann im kommenden Jahr eine Berufsausbildung in einem Büro beginnen. Die alleinerziehende Mutter hat einen siebenjährigen Sohn.

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