Narkosegas wird recycelt 

Klimaschutz während der Narkose: Neues System am Marienkrankenhaus in Kassel

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Erstmalig in Hessen: Dr. Matthias Göddecke, Chefarzt der Anästhesie im Marienkrankenhaus Kassel, zeigt den Narkosegasfilter, in dem das Gas für das Recycling gesammelt wird.

Als erste Klinik in Hessen setzt das Marienkrankenhaus in Kassel ein Recyclingsystem für Narkosegase ein. Diese sind schädlich für die Umwelt.

  • Narkosegase sind schädlich für die Umwelt
  • Im Marienkrankenhaus Kassel wird ein neues System eingesetzt, um die Narkosegase zu recyclen
  • Das Marienkrankenhaus ist das Erste in Hessen, dass ein solches System nutzt. 

Umweltverschmutzung ist ein Thema, das jeden angeht – auch Kliniken. Im Marienkrankenhaus Kassel kommt jetzt erstmalig in Hessen ein neues System zum Einsatz, bei dem umweltschädliche Narkosegase mithilfe eines speziellen Filters recycelt werden.

Fragen und Antworten zum Thema.

Narkosegase schaden der Umwelt

Was ist das Problem bei Narkosegasen?

Ein Großteil der bei einer OP eingesetzten Narkosegase wird vom Patienten wieder ausgeatmet. Da die Gase vom Körper fast nicht abgebaut werden, enthält die Ausatemluft weiterhin unverändertes umweltschädliches Narkosegas

Diese Gase, die als Medikamente sehr wirksam sind, gelangen bisher in die Atmosphäre.

Warum sind die Narkosegase so umweltschädlich?

Bei den Gasen handelt es sich um Fluorchlorkohlenwasserstoffe (FCKW) oder Flurkohlenwasserstoffe (FKW) und somit um klimaschädigende Treibhausgase. Weltweit wird der Verbrauch von Narkosegasen auf mehr als 4500 Tonnen jährlich geschätzt.

Das entspricht dem CO2-Wert, den ein Kohlekraftwerk pro Jahr freisetzt. „Der Anteil der Narkosegase an der Klimazerstörung wird derzeit mit einem Wert von bis zu einem Prozent beziffert“, sagt Michael Schmidt, Geschäftsführer des Marienkrankenhauses Kassel. 

Der Anteil werde angesichts der verbesserten medizinischen Versorgung weltweit noch steigen.

Neue Technik filtert Narkosegase aus der Luft

Was ist das Besondere an dem Recycling-System?

Normalerweise wird das Narkosegas direkt am Narkosegerät abgesaugt und dann in die Außenluft abgeleitet. Die Anästhetika gelangen also in die Atmosphäre. Das neue System funktioniert über Filter, die mit dem Narkosegerät verbunden sind. 

Solche Filter stehen schon seit über zehn Jahren zur Verfügung, wurden aber bislang nur dort genutzt, wo eine Absauganlage technisch nicht einsetzbar war – zum Beispiel auf einer Intensivstation. 

Das Neue ist, dass die Narkosegase mit Hilfe des Filters nicht nur gesammelt, sondern anschließend zur Wiederverwertung aufbereitet werden. Dadurch geraten sie nicht mehr in die Atmosphäre. Auch das in den Filtern eingesetzte Granulat aus Aktivkohle wird recycelt.

Wer hat diese Technik entwickelt?

Die Firma ZeoSys Medical GmbH, die ihren Sitz in der Nähe von Berlin hat, hat es geschafft, eine Technik zu entwickeln, wie man die Stoffe aus den Aktivkohlefiltern wieder herausbekommt und erneut verwenden kann. Bislang musste man Filter und Medikamente entsorgen.

Wie kam die Überlegung auf, dass das Marienkrankenhaus jetzt an dem Pilotprojekt teilnimmt?

„Das war eigentlich ein glücklicher Zufall“, sagt Dr. Matthias Göddecke, Chefarzt der Anästhesie im Marienkrankenhaus Kassel. „Wir hatten eine Vertreterin hier im Krankenhaus, die uns ein Filtersystem vorgestellt hat, das von uns dort genutzt werden sollte, wo es keine Narkoseabsauganlage gibt. 

Da hat dann einer der Mitarbeiter der Anästhesie gefragt, ob es nicht eine Möglichkeit gäbe, Filter und Narkosegase zu recyclen.“ So sei die Sprache auf die Firma ZeoSys Medical GmbH gekommen. Mit dem Unternehmen habe man dann Kontakt aufgenommen. 

Weil die Initiative vom Marienkrankenhaus ausging, sei man das erste Krankenhaus in Hessen mit dieser Technik. Die Firma habe sich eigentlich zunächst auf ihr näheres Umfeld in Brandenburg beschränken wollen.

Nutzt das gesamte Marienkrankenhaus das System?

Bislang wird das Filtersystem in zwei von vier OP-Sälen des Marienkrankenhauses genutzt. Die anderen beiden Säle sollen im Frühjahr umgerüstet werden.

Umwelt schützen und Kosten sparen

Wie muss man sich den Einsatz in der Praxis jetzt vorstellen?

Seit Dezember sind die Filter, die in etwa die Größe einer Kaffeemaschine haben, im Einsatz. Sie werden kistenweise geliefert, und wenn sie voll sind, werden sie einfach in einem Karton zur Firma geschickt, die sie aufbereitet. Dabei handelt es sich weder um Gefahrgut, noch um Sondermüll.

Was sind die Vorteile des neuen Systems?

„Durch das neue System werden die Umwelt geschont und Kosten reduziert“, sagt Anästhesie-Chef Göddecke. Denn gängige Narkosegasabsaugung verursache hohe Betriebs- und Wartungskosten. 

Zudem würden die Absauganlagen mit sehr teurer medizinischer Druckluft betrieben, deren Herstellung viel Strom verbrauche. Hier lasse sich auch Energie sparen.

Göddecke ist überzeugt, dass das Filtersystem sich durchsetzen wird. Der Vorteil sei, dass es relativ unkompliziert sei und zudem auch Geld spare. Die recycelten Medikamente können dann zu günstigeren Preisen wieder eingekauft werden. Einen Qualitätsverlust gebe es dabei nicht.

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