Rockmusik verliert Heimat

Musiktheater schließt nach 29 Jahren: Ein Rückblick auf Partys und Konzerte

Beliebter Treffpunkt: Der Biergarten auf dem Gelände der Nachthallen – das Foto vom Tanz in den Mai 2004. Archivfoto: Herzog

Kassel. End of a legend – Ende einer Legende – das ist der Titel der letzten Party im Musiktheater. Nach 29 Jahren verliert die Rock-, Metal- und Darkszene ihr Wohnzimmer.

Kommenden Samstag wird ein letztes Mal in der Disco in Rothenditmold gerockt.

„Das MT war immer für jede Art von Musik offen – außer für rechte Bands“, sagt Betreiber Joachim Batke. Sepultura, Bap, Schandmaul, Extrabreit, Willi Deville, Bill Withers – Batke könnte eine sehr lange Liste schreiben, müsste er alle Künstler nennen, die jemals in den spärlich beleuchteten Hallen auftraten.

Facebook-Album mit Erinnerungen an das MT

Viele Konzerte und Künstler – das heißt auch viele Pannen und kuriose Momente. „Der Soundcheck von Run DMC in den Achtzigerjahren war so laut, dass uns im Bistro ein Lüfter aus der Decke gefallen ist“, erinnert sich Batke. Die deutsche Band Extrabreit lieferte sich 1986 hinter der Bühne eine Schlacht mit Müsli und Hafer. 2011 mussten sich Fans von Sepultura über zwei Stunden gedulden. Grund: Die Bühne entsprach nicht den Wünschen der Band.

Auch Gerald Zinke, DJ der ersten Stunde und Freund von Batke, erzählt von betrunkenen Sängern und Bands, die sich hinter der Bühne prügelten: „Es gab einen Sänger aus New York, der ist umgefallen, so betrunken war er“, erzählt der heute 58-Jährige.

Enge Freundschaften hat Batke zu keinem der Künstler aufgebaut. „Das war nie mein Ding.“ Aber vor jedem Künstler zieht er seinen Hut: „Mich fasziniert jeder Mensch, der es wagt, auf die Bühne zu gehen, der eine Show abliefert.“

Kassels erste Anlaufstelle für Rock und Metal: Das Musiktheater an der Angersbachstraße in Rothenditmold war jahrzehntelang die erste Adresse für Fans von harter Gitarrenmusik. 2005 stand Schandmaul auf der Bühne – nur eines der unzähligen Konzerte aus 29 Jahren. Archivfoto: Socher

Besser erinnert er sich an die vielen Stammgäste im MT. Jérôme mit seinem Stammtisch in der Nähe der Tanzfläche zum Beispiel. „Da stand immer ein Pinguin auf dem Tisch.“ Oder Metal-Volker, der sich immer über die Musik beschwerte. „Die Woche drauf war er wieder da“, sagt Batke.

Für Zinke war es die Mischung aus netten Gästen, Kollegen und einer unüblichen Musikauswahl. Er hatte die ehemalige Posthalle damals mit umgebaut. „Das war kein Mainstream-Gebimmel, sondern was Innovatives.“

Die Treppen und Podeste wurden von Kabarettist und Zimmerer Bernd Gieseking hergestellt. „Das war damals DIE Disco“, sagt er stolz. „Da lernte man sich kennen, da traf man Frauen für eine Nacht und Frauen fürs Leben.“ Gieseking sah dort mehrmals seine persönlichen Musikgötter: Element of Crime. „Irre, wie lange das her ist.“

Ab Mittwoch, 14. Oktober, wird das Gebäude an der Angersbachstraße den Schriftzug „130 bpm“ tragen.Musikrichtung: Electro.

Karten bleiben gültig

Unabhängig vom Betreiberwechsel finden aber bisher angekündigte Konzerte in den nächsten Monaten wie geplant statt. Das verkündete der Betreiber des MT auf seiner Internetseite. Dazu gehören das Konzert von Weekend am Donnerstag, 15. Oktober, das Scream-Festival am Samstag, 7. November, sowie der Auftritt von Sasha am Sonntag, 22. November. Gekaufte Karten bleiben gültig.

Hintergrund 

Das Musiktheater hat sich binnen 29 Jahren mehrmals verändert. Ein Blick auf einige wichtige Jahre. 

1986: Am 2. Februar eröffnet das Musiktheater an der Angersbachstraße. Zunächst wird das Gebäude, eine ehemalige Lagerhalle der Post, gemietet und in Eigenleistung umgebaut. 

1994:  Betreiber Joachim Batke kauft das Gebäude. 

1996: Ein Gebäude neben dem MT wird angemietet, das gesamte Gelände bekommt später den Namen Nachthallen. Das zweite Gebäude heißt erst Yad, später Tonwerk und Nachtwerk. Auch eine „Dark Area“ wird als dritter Discobereich eröffnet. 

2010: Der Mietvertrag für das Nebengebäude läuft aus, somit bleibt von den „Nachthallen“ nur noch das Musiktheater als Disco übrig. 

2015: Am Samstag, 3. Oktober, findet die letzte Party im Musiktheater statt. Batke zieht sich als Betreiber zurück, bleibt aber Inhaber des MT-Gebäudes. Ab Mittwoch, 14. Oktober, wird der Electro-Club „130 bpm“ mit neuem Konzept eröffnen. 

Das sagen die Fans 

Wir haben auf Facebook gefragt, welche Erinnerungen unsere Leser an das Musiktheater haben. Das waren die schönsten Äußerungen: 

Sonja L.: „Wie wir uns immer vor dem Rausschmeißer Obelix verstecken wollten. [...] Wie peinlich das war.“ 

Alex Janette B.: „Es kannte ja fast jeder jeden. [...] Nackenschmerzen, Sesamkringel. Hach, einfach eine sehr schöne Zeit, die ich immer positiv in Erinnerung habe!“ 

JJ M.:  „Ich werde die Mittelalterlichen Tanznächte vermissen.“ Frank W. „Ich habe mit meiner Band dort gespielt anlässlich der 6. Kasseler Rocknacht 1986. Bis man uns um 3 Uhr den Saft abgedreht hat.“ 

Christian V.: „Schade, war ’ne geile Zeit damals.“ 

Angela R.: „Oh nein! Ich fand das MT so toll mit den drei unterschiedlichen Zonen. Da drin habe ich meine Jugend verbracht!“ 

Franzi S.: „Wie schade, dass die Zeit vorbei ist.“ 

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