Sanierung in Rothenditmold kostet 100.000 Euro

Spezialfirma saniert 60 Meter hohen Schornstein in Kassel

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Kein Problem mit Höhe: Andre Janiak ist als Quereinsteiger zu dem Job gekommen. Er hat auch schon in 250 Metern Höhe gearbeitet. Für die gesamte Ansicht klicken Sie bitte oben rechts im Bild auf den Pfeil. 

Kassel. Er ist zum Wahrzeichen von Rothenditmold geworden: Der Schornstein auf dem Gelände des Gewerbeparks Clasen wird jetzt für 100.000 Euro saniert.

Der Schornstein auf dem Gelände des Gewerbeparks Clasen zwischen Philippi- und Brandaustraße überragt den Stadtteil und ist schon aus der Ferne zu sehen. Jetzt wird das 60-Meter-Bauwerk, das Ende des 19. Jahrhunderts errichtet wurde, saniert. Die Firma Clasen investiert laut Geschäftsführerin Petra Aschmann 100 000 Euro. Die Arbeiten werden von einer Spezialfirma aus Düsseldorf ausgeführt, die sich auf Sanierung von Schornsteinen spezialisiert hat.

Aber wie saniert man eigentlich einen Schornstein? Das weiß Andre Janiak. Seit acht Jahren arbeitet er für das Unternehmen. Zu seinem Job in luftiger Höhe ist er aber eher zufällig gekommen. „Ich habe damals Arbeit gesucht und es dann einfach mal ausprobiert“, sagt der braun gebrannte Krefelder. Am Anfang habe aber er sich nicht so recht getraut, eine Hand vom Mauerwerk loszulassen, aber irgendwann habe er gemerkt, dass es ohne nicht geht. „Wir sind hier gesichert und das ist das Wichtigste, damit nichts passieren kann“, sagt er. Mittlerweile ist es Janiak egal, ob er am Boden oder in hundert Metern Höhe arbeitet.

Janiak und seine Kollegen haben in den vergangenen Tagen mit den Sanierungsarbeiten begonnen. Für die Rothenditmolder ist es ein unübersehbarer Erkennungspunkt, für die Arbeiter ist das 60 Meter hohe Steinbauwerk aber eher Durchschnitt. Im Ruhrgebiet gäbe es viele Fabrikschornsteine, die weitaus höher seien. Er habe auch schon in 250 Metern Höhe gearbeitet, erzählt Janiak.

Das Gerüst, das im Moment noch am Fuße des Schornsteins angebracht ist, soll in den nächsten Wochen immer weiter nach oben wandern. Wenn alles gut laufe, dann werde grob ein Meter pro Tag geschafft. Insgesamt sollen die Arbeiten drei Monate dauern. Lockere Steine werden gefestigt und das gesamte Bauwerk neu verfugt. Zudem werden Stützringe angebracht, um die Stabilität zu sichern.

Sorge, dass das Gerüst nach unten rutschen könnte, hat Janiak nicht. Diese alten Schornsteine seien in konischer Bauweise errichtet, erklärt er. Das heißt, dass sie nach oben immer schmaler würden. Zudem wird die Konstruktion mit einem Spannseil gehalten.

In Kassel gibt es unter anderem noch ähnliche Schornsteine an der alten Martinibrauerei, auf dem Salzmanngelände, an der Uni und auf den Industrieflächen an der Lilienthalstraße. Der Gewerbepark Clasen ist bereits seit 1972 auf dem Gelände der früheren Jutespinnerei entstanden. Rund 50 Unternehmen haben sich auf 33 000 Quadratmetern angesiedelt.

Hintergrund: Das Kunstwerk

Fünf silberne Ringe kennzeichnen den Rothenditmolder Schornstein. Hierbei handelt es sich um ein Kunstwerk, das 2012 innerhalb des Wettbewerbs „Ort schafft Ideen“ vom Hamburger Architekturbüro „asdfg“ gestaltet wurde. Je nach Witterung soll es so aussehen, als ob der obere Teil des Schornsteins in den Wolken versinkt. Für die Sanierung werden die Ringe entfernt. „Danach sollen sie aber wieder angebracht werden“, sagt Petra Schütz-Iller, die bei der Stadt Kassel für das Projekt zuständig ist. Man verhandele derzeit über die Rechte, heißt es. Finanziert werden soll das Kunstwerk aus den Mitteln des Projektes Soziale Stadt. In Rothenditmold sind so bereits Gelder für Kunstprojekte im öffentlichen Raum bewilligt worden, darunter würde auch das Kunstwerk am Schornstein fallen. Wichtig sei allerdings, so Schütz-Iller, dass die Ringe aus einem nachhaltigen Material gestaltet würden. Bislang war die Spiegelfolie auf einer Kunststofffläche aufgeklebt, das sei keine dauerhafte Lösung. Man prüfe, ob eine Variante aus Edelstahl möglich sei.

Die frühere Jutespinnerei

Der Gewerbepark Clasen ist auf dem Gelände der früheren Jutespinnerei errichtet worden. Die Anlage wurde 1882/83 von der Familie Rubensohn gegründet. In der Jutespinnerei in Rothenditmold wurden Methoden der Veredelung von Jute entwickelt. Bereits Ende des 19. Jahrhunderts waren dort gut 500 Mitarbeiter beschäftigt. In der Blütezeit hatte die Zahl der Mitarbeiter der Spinnerei 1000 erreicht. In der Bombennacht 1943 wurde auch die Jutespinnerei fast vollständig zerstört. Lediglich der Schornstein blieb erhalten. Der Betrieb hat unter allen Textilfabriken Hessens am meisten unter den Kriegsfolgen gelitten, heißt es vom früheren Ortsvorsteher Ottokar Knierim in der Chronik Rothenditmolds. 

Von 10 000 Quadratmetern Produktionsflächen standen am Ende der Bombennacht nur noch 200 Quadratmeter zur Verfügung. Der Betrieb begann in den Nachkriegsjahren mit der Versorgung der heimischen Landwirtschaft mit Säcken und Erntebindegarnen. Ein Teil der Belegschaft war entweder im Krieg geblieben oder aufgrund von Evakuierungen aus Rothenditmold fortgezogen. Flüchtlinge aus den Ostgebieten fanden in der Jutespinnerei wieder einen Arbeitsplatz. 1000 Betriebsangehörige konnten aber nicht mehr erreicht werden. 

Der Betrieb der Jutespinnerei in der neu gegründeten Bundesrepublik blieb schwierig. Die Absatzmärkte in den Ostgebieten schieden als Abnehmer aus. Der Weltmarkt versorgte sich durch die inzwischen billigere Industrie der Heimatländer der Jutefaser, in denen eine eigene Juteverarbeitung eingesetzt hatte. Dies hatte zur Folge, dass der Transport des Rohmaterials unrentabel wurde. Vor Ort konnte die Jutefaser preisgünstiger verarbeitet werden. Das Ende der einst florierenden Industrie war eingeleitet. 

1950 wurde in den Hallen der Jutespinnerei die „Weges GmbH“ gegründet. Doch nur kurze Zeit wurden Teppiche gewebt. Nach einigen Jahren hat der Betrieb die Fabrikation eingestellt. Die Gründe sind nicht bekannt. 

Haben Sie noch historische Bilder von der Rothenditmolder Jutespinnerei? Dann melden Sie sich bei uns unter 0561/2031719 oder schicken uns eine Mail an

kassel@hna.de

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