„Ich war nur kurz weg“

Vater räumt  Schuld an Stromschlag ein, an dem seine Kinder starben

Kassel. Als der Rettungsassistent aussagte, hätte man im Saal des Amtsgerichts Kassel eine Stecknadel zu Boden fallen hören können.

Die beklemmende Stille zeigte, wie sehr die Klärung des Todes zweier Kinder beim Baden in einer Wohnung im Kasseler Stadtteil Rothenditmold alle Beteiligten belastet. Mit stockender Stimme schilderte der Rettungsassistent als Zeuge, wie er den leblosen Körper des sechs Jahre alten Jungen aus dem kalten Wasser zog. Sofort habe er begonnen, das Kind wiederzubeleben – die Hilfe kam zu spät.

Prozess vor Amtsgericht: Obwohl er seine leblosen Kinder fand, habe er nicht die Kraft gehabt, sie selbst aus der Badewanne zu ziehen, sagte der 48-jährige Vater. Sein Schock über das Unglück sei zu groß gewesen.

Mit sehr persönlichen Worten entließ der Vorsitzende Richter Dr. Philipp Kleinherne ihn dann aus dem Zeugenstand: „Sie waren bestimmt nicht der klügste Sanitäter in diesem Moment, aber was Sie getan haben, war sehr menschlich.“ Ohne zu zögern, hatte der Rettungsassistent den Jungen nämlich aus der Wanne gehoben, obwohl zu diesem Zeitpunkt noch der angeschlossene Rasierapparat im Wasser hing. Dem Retter war das nicht aufgefallen. Dass er selbst keinen Stromschlag erlitt, lag daran, dass der Vater der Kinder den Strom am Sicherungskasten abgeschaltet haben will, bevor er den Notruf wählte.

Seine leblosen Kinder habe er selbst nicht aus dem Wasser ziehen können, als er sie in der Wanne liegen sah, sagte der 48-Jährige. „Ich hatte keine Kraft.“ Zudem habe er befürchtet, dass er verdächtigt würde, das Unglück selbst herbeigeführt und so seine Kinder getötet zu haben.

Genau das warf ihm seine in Hamburg lebende Exfrau vor, die als Nebenklägerin in dem Prozess auftritt. Die einstigen Eheleute, die beide aus Afrika stammen, waren bereits vorher zerstritten. Mit rechtlichen Mitteln kämpften sie schon länger gegeneinander um Besuchs- und Umgangsrechte der gemeinsamen Kinder, wie in ihren Aussagen deutlich wurde.

Am jenem Sonntag, 10. November 2013, hatte der Vater den sechs Jahre alten Sohn und die vierjährige Tochter bei sich zu Besuch. Spätestens am Nachmittag habe er sie bei der Mutter in Hamburg abliefern müssen. Mit dem von ihm bevorzugten Auto habe er die Fahrt nicht zurücklegen dürfen, sagte der 48-Jährige. Die gerichtlich eingesetzte Umgangsbetreuerin habe darauf bestanden, dass er die Bahn nehmen sollte. Deswegen habe er sich gegen Mittag auf den Weg zum Hauptbahnhof gemacht, um eine Verbindung herauszusuchen. Seine badenden Kinder ließ er allein.

Unterwegs habe er entschieden, doch mit dem Auto nach Hamburg fahren zu wollen und sei umgekehrt. Zehn bis zwölf Minuten seien die Kinder allein gewesen. „Ich war nur kurz weg“, sagte er. Staatsanwältin Meier sprach bei der Verlesung der Anklage wegen fahrlässiger Tötung von etwa 20 Minuten, in denen der 48-Jährige seine Sorgfalts- und Obhutspflichten verletzt habe.

Warum in dieser Zeit der eingesteckte Rasierapparat in der Wanne landete, ließ sich nicht aufklären. Aber es sei seine Schuld, dass der Apparat im Bad war, so der Vater.

Am kommenden Montag wird der Prozess fortgesetzt.

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