2007 war Kunstprofessor Li Wen Teil des documenta-Projekts von Ai Weiwei

Rückkehr der Chinesen

Fühlen sich in Kassel schon beim zweiten Besuch wie zu Hause: Li Wen (2. von links) und seine Ehefrau Ruan Huiyun (2. von rechts). Dr. Hanns-Georg Poppe (links) beherbergt die Besucher, Hong Fan-Hofmeister (rechts) hilft als Dolmetscherin. Foto: Deppe

Kassel. Am Anfang fühlte Li Wen sich, als würde er die Ruhe stören. In Deutschland, sagt er, laufen die Uhren langsamer als in seiner chinesischen Heimat. Unwohl sei ihm bei seinem ersten Besuch aber nicht gewesen, obwohl die Aufregung groß war

Vor fünf Jahren war Li, Professor für Malerei an der Universität Wuhang, das erste Mal in Deutschland. 2007 waren er und seine Frau Teil des Kunstwerks „Fairytale“, bei dem der chinesische Künstler Ai Weiwei 1001 Landsleute zur documenta holte und auf dem ehemaligen Kasseler Gottschalkgelände übernachten ließ.

Jetzt ist Li Wen mit seiner Frau das zweite Mal in Deutschland und wieder besucht er die documenta. Eingeladen hat ihn der Kasseler Psychotherapeut Dr. Hanns-Georg Poppe, bei dem das Ehepaar aus Wuhan eine Woche lang Unterkunft findet. Während eines Vortrags Ai Weiweis 2007 kam Poppe die Idee, die beiden Chinesen in sein Haus einzuladen, um ihnen Einblicke in deutsche Lebensweisen zu bieten. Den Kontakt vermittelte eine Helferin des Künstlers.

Mit Ai Weiwei pflege er eine enge Beziehung, sagt Li Wen. Zeitweise habe er im Haus des Künstlers gewohnt. Nach dessen Freilassung aus fast dreimonatiger Haft habe ihm Ai sofort eine SMS geschickt: „Ich lebe noch“. Sorgen mache er sich nicht um Ai Weiwei, der in der chinesischen Heimat wegen seiner regimekritischen Haltung ständig Repressalien fürchten muss. Nur seine Lebendigkeit sei nicht mehr dieselbe, berichtet Li Wen. In ihrem letzten Gespräch habe Ai ihm verraten, dass er nicht vorhabe, China den Rücken zu kehren.

Natürlich waren Ai Weiweis Projekte vor fünf Jahren Li Wens Lieblingskunstwerke auf der documenta. In diesem Jahr beeindrucken ihn vor allem Zeichnungen und Malereien. Die Werke Gustav Metzgers in der documenta-Halle und Korbinian Aigners Äpfel im Fridericianum, die er als aufrichtig und aufrüttelnd beschreibt, werden ihm in Erinnerung bleiben. In China, sagt Li Wen, sei die moderne westliche Kunst noch kein Thema. In den dortigen Künstlerkreisen sei die documenta hingegen sehr bekannt.

Den Kontakt zu Hanns-Georg Poppe pflegt er mithilfe von Übersetzern regelmäßig via Mail. Dabei tauschen sich beide nicht nur über Kunst, sondern auch über politische Themen aus.

In Kassel fühlt sich Li Wen bereits wie zu Hause. Poppe und er lernen durch gegenseitiges Beobachten viel voneinander, sie kommunizieren mit Händen und Füßen. Das Kennenlernen der beiden bezeichnet Li Wen als bedeutenden Schritt in seinem Leben. Für ihn persönlich sei das wichtiger als jede Ausstellung.

Von Lasse Deppe

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