Abschied nach 30 Jahren in der Kommunalpolitik

Rückzug vom Parteivorsitz: Kaiser ist zufrieden mit sich

Der Anfang: Am 9. Juli 2009 freute sich Jürgen Kaiser, nachdem ihn die Kasseler SPD zum neuen Vorsitzenden gewählt hatte. Beim Parteitag am heutigen Samstag tritt er nicht wieder an. Archivfoto: Socher

Kassel. Genugtuung ist herauszuhören, wenn Jürgen Kaiser auf seine Zeit als Vorsitzender der Kasseler SPD zurückblickt.

Fast sechs Jahre, so lange wie kaum einer vor ihm, stand er an der Spitze des Unterbezirks, der knapp 1500 Mitglieder zählt. Beim heutigen Parteitag tritt Kaiser ab.

Es wird einer seiner letzten großen Auftritte. Nachdem sich die SPD-Stadtverordneten einstimmig gegen seine Wiederwahl ausgesprochen haben, ist kaum damit zu rechnen, dass sie ihm zum Ende seiner Amtszeit als Bürgermeister noch einmal den roten Teppich ausrollen.

„Das ist das politische Ende, wenn man aus so einer Funktion ausscheidet“, so Kaiser, der 30 Jahre in der Kommunalpolitik aktiv war. In seinem Ortsverein Philippinenhof-Warteberg werde er weiter diskutieren und die SPD unterstützen. „Aber ich strebe keinerlei Funktion mehr an.“ Er freue sich, mehr Zeit für seine Familie zu haben, sagt der 54-Jährige. Sein Sohn ist zwölf, die Tochter vier Jahre alt.

„Die Einheit der Partei habe ich mit Sicherheit hingekriegt“, findet Kaiser. Als er nach dem Rücktritt von Dr. Bernd Hoppe 2009 an die Spitze gewählt wurde, war die SPD tief zerstritten. Kaiser drängte sich damals nicht auf, führende Köpfe aus beiden Lagern baten ihn. Und Kaiser kann auf Erfolge verweisen: Bei insgesamt fünf Wahlen erzielte die SPD recht gute Ergebnisse.

Über die Wahl des neuen Vorsitzenden der Kasseler SPD berichten wir am Samstag aktuell auf www.kassel-live.de

Dabei war der Start turbulent. Kaiser war zehn Tage im Amt, da hatte er die Affäre Rainer Pfeffermann zu bewältigen. Überraschend trat er als Kandidat kurz vor knapp zurück, nachdem Vorwürfe wegen sexueller Nötigung aufgetaucht waren. Beinahe hätte die SPD in Stadt und Kreis ohne Direktkandidaten zur Bundestagswahl dagestanden.

Danach trieb Kaiser parteiintern einen Reformprozess voran, dessen Folgen nun sichtbar werden. Erstmals wird der Vorstand beim Parteitag nicht mehr von Delegierten gewählt, alle Mitglieder dürfen abstimmen. Es sei ihm gelungen, die SPD „in die richtige Richtung“ zu bewegen, findet Kaiser. Nicht noch mehr verändert zu haben, sei aber ein Versäumnis, räumt er ein. „Ich hätte mir gewünscht, dass wir schon weiter vorangekommen wären. Wir hätten mutiger sein müssen.“

Kritisch sieht Kaiser mittlerweile seine Doppelrolle als Bürgermeister und Parteichef. „Das würde ich keinem meiner Nachfolger raten“, sagt er. Geahnt habe er die Konflikte. „Aber ich habe unterschätzt, mit welcher Vehemenz das auch aus der Partei auf einen zuschwappt.“ Viele Genossen würden nicht immer einsehen, dass sich die SPD den Anforderungen des Dezernentenamtes unterordnen müsse.

Kaiser ist zufrieden mit sich. Seine Zeit als Bürgermeister will er noch nicht bilanzieren, schließlich sei er bis Dezember im Amt. Zu der harten Kritik, die ihm oft entgegenschlägt, sagt Kaiser nur so viel: „Ungeachtet meines persönlichen Ansehens habe ich das Notwendige getan.”

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