Nach zwölf Jahren ist Schluss

Ruhestand für Kassels Oberbürgermeister Hilgen: Auf Wiedersehen - machen Sie es gut!

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Nach zwölf Jahren ist Schluss für Bertram Hilgen. 

Kassel. Nach zwölf Jahren ist Schluss: Oberbürgermeister Bertram Hilgen wechselt in den Ruhestand. Offizielles Ende seiner Amtszeit ist am 21. Juli, die Staffelübergabe auf seinen Nachfolger Christian Geselle erfolgt jedoch schon am kommenden Montag, 26. Juni.

Ein kleiner Rückblick: Vor zwölf Jahren, im Februar 2005, waren viele Menschen in Kassel überrascht, dass Hilgens Vorgänger Georg Lewandowski im zweiten Wahlgang verloren hatte. Während Lewandowski auf einen Wahlkampf im Winter verzichtet hatte, ging sein Herausforderer bei Wind und Wetter auf die Straße, um die Menschen von sich zu überzeugen. Und Hilgen überzeugte.

Das zahlte sich aus. Am 27. Februar 2005 konnte sich Hilgen in der Stichwahl mit 53,38 Prozent gegen Amtsinhaber Lewandowski durchsetzen. Sechs Jahre später gewann dann Amtsinhaber Hilgen bereits im ersten Wahlgang mit 51,32 Prozent.

Im Rückblick wird man Oberbürgermeister Hilgen auch immer mit umstrittenen Projekten in der Stadt Kassel in Verbindung bringen: Große Widerstände gab es zum Beispiel gegen Hilgens Plan, einen Uferweg entlang der Fulda für alle Kasseler anzulegen. Viel Kritik gab es auch daran, das neue Auebad wieder direkt an die Fulda zu bauen. Und die Gegner des Neubaus des Grimmmuseums prophezeiten den Untergang des Weinbergs.

Hilgen hat sich bei diesen drei Projekten gegen alle Widerstände durchgesetzt. Kaum jemand will heute auf Uferweg, Auebad und Grimmwelt verzichten.

Hier lassen wir einige von Hilgens beruflichen und privaten Wegbegleitern zurückblicken und zu Wort kommen: mit Erinnerungen, Anekdoten und guten Wünschen.

Die Nachbarn: 

Das Ehepaar Karin (79) und Werner (78) Croll wohnt schon seit 15 Jahren direkt neben den Hilgens im Kasseler Auefeld. Rechts, wenn man von der Straße aus guckt. Da bedeutet, die Crolls könnten von ihrem Garten ins Esszimmer bei Hilgens gucken. Machen sie aber nicht. Die Crolls sind diskret.

Und gute Nachbarn vom scheidenden Oberbürgermeister. „Der ist voll in Ordnung“, sagen sie über Bertram Hilgen, und seine Frau sowieso. Und zu einer guten Nachbarschaft gehört es, dass man etwa Päckchen annimmt, wenn der Oberbürgermeister unterwegs ist. Das ist ja ziemlich häufig der Fall.

Besondere Vorkommnisse? Keine. Es ist eine eher ruhige, von höflicher Freundlichkeit geprägte Nachbarschaft: „Guten Morgen“. Wie geht es?“ „Einen schönen Tag“.

Über Politik redet man nicht – eben wegen der guten Nachbarschaft. Nur ein einziges Mal spielte in all den Jahren die Politik eine Rolle in der Straße: Da hatte jemand – aus welchem Protest auch immer – dem OB Erde vor die Haustür gekippt. Und einmal, aber das war ja gut gemeint, spielte eine Blaskapelle auf der Straße. Da hatte Bertram Hilgen einen runden Geburtstag. 

Karin und Werner Kroll sind Hilgens Nachbarn in der Kasseler Südstadt.

Wohnen neben Hilgen: Werner und Karin Croll.

Der documenta-Boss

Es war eine laue Sommernacht 2005 in Venedig. Für Bertram Hilgen gehörte der Besuch der Kunstausstellung Biennale zu den ersten Auslandsreisen in seiner neuen Rolle als Oberbürgermeister. Mit ihm unterwegs war damals Bernd Leifeld, der langjährige Geschäftsführer der documenta GmbH. Nach dem gemeinsamen Besuch im deutschen Pavillon sind sie zu Fuß zurück zum Hotel gegangen, erinnert sich Leifeld. Der Weg habe allerdings deutlich länger als erwartet gedauert.

„Das erste bekannte Gesicht war Okwui Enwezor“, sagt Leifeld (67). Der Leiter der documenta 11 im Jahr 2002 freute sich sichtlich über das Wiedersehen und gratulierte Bertram Hilgen immer wieder, dass er Oberbürgermeister der documenta-Stadt geworden sei.

Nur wenige Schritte weiter habe man den kanadischen Künstler Stan Douglas getroffen, der ebenfalls auf der documenta war. Der habe Hilgen sofort umarmt und ihn ausgesprochen herzlich beglückwünscht. So sei das in Venedig noch einige Male gegangen, erinnert sich Leifeld. „Ich glaube, Bertram Hilgen hat damals eindrucksvoll erlebt, welchen Stellenwert die documenta international hat und das auch nicht mehr vergessen.“ 

Bernd Leifeld war von 1996 bis 2014 Geschäftsführer der documenta und Museum Fridericianum Veranstaltungs GmbH.

Und tschüss: Als die documenta 13 vorbei war, schlossen Bertram Hilgen und Bernd Leifeld die Türen ab.


Der Vorgänger

Viele gemeinsame Erlebnisse haben sie nicht. Als Bertram Hilgen 2005 die Direktwahl zur Oberbürgermeister gewann, schickte er damit den Christdemokraten Georg Lewandowski in den Ruhestand. „Ich denke, es war damals ein ziemlich fairer Wahlkampf“, erinnert sich Lewandowski. Aus heutiger Sicht müsse er allerdings sagen, dass er seinen Kontrahenten bis zum Wahltag unterschätzt habe.

Einen Tipp habe er, sagt der 72-Jährige. In dem Moment, in dem man keine wichtige Position mehr innehabe, zeige sich, wer die echten Freunde sind. Von den anderen höre man dann nichts mehr. 

Georg Lewandowski (CDU) war von 1993 bis 2005 Oberbürgermeister von Kassel.

Amtsübergabe 2005: Bertram Hilgen wird Georg Lewandowskis Nachfolger.

Der Kollege aus Athen

Die Vorbereitungen auf die documenta 14 haben die beiden Stadtoberhäupter von Kassel und Athen zusammengeführt. „Ich habe einen hervorragenden Menschen kennengelernt: Kassels Oberbürgermeister Bertram Hilgen“, sagt Yiorgos Kaminis (62). Und ergänzt: „Inzwischen sind wir Freunde geworden.“

„Bertram was derjenige, der den Vorschlag des künstlerischen Leiters, Adam Szymczyk, für die Koorganisation in Athen, unterschrieben hat“, schreibt Kaminis auf Anfrage unserer Zeitung. „Er ist ein offener, kultivierter und gastfreundlicher Mensch, der mir und den Athenern Kassel so präsentiert hat, dass wir die Stadt von Anfang an als einen vertrauten und freundlichen Ort empfunden haben.“

Von der documenta habe er gelernt, dass Kunst vereinigen kann. Die documenta 14 habe zwei Städte und zwei Völker einander nahe gebracht. „Ich danke Bertram Hilgen für alles und ich wünsche ihm viel Erfolg bei allem, was er in der Zukunft vorhat. Ich verspreche meinerseits, dass ich unsere Freundschaft, die von großem gegenseitigem Verständnis geprägt ist, fortsetzen werde.“

Yiorgos Kaminis, Bürgermeister von Athen

Der Marathon-Mann

In seiner Amtszeit hat sich ein sportliches Großereignis in der Fuldastadt etabliert: „Bertram Hilgen hat den Kassel Marathon immer sehr positiv begleitet“, sagt Marathon-Organisator Winfried Aufenanger (70). Auch in für die Stadt Kassel schwierigeren finanziellen Situationen habe der OB stets faire und konstruktive Lösungen für die Unterstützung der größten nordhessischen Sportveranstaltung gefunden.

„Als Oberbürgermeister und Schirmherr ist er auch sportlich mit seinen zahlreichen aktiven Teilnahmen am Halbmarathon oder in der Magistrats-Staffel mit bestem Beispiel vorangegangen“, lobt Aufenanger. Als angenehm und offen beschreibt er die Zusammenarbeit mit dem Rathaus-Chef. „Dafür möchte ich mich ausdrücklich bedanken. Ich hoffe, dass er auch nach der Staffelstab-Übergabe an seinen Nachfolger Christian Geselle dem Marathon die Treue hält.“ (abe)

Winfried Aufenanger ist Kassels „Marathon-Mann“: Seit 2007 organisiert er das Großereignis.

Zwei mit langem Atem: OB Hilgen und Winfried Aufenanger(lvon links).

Freund und Architekt

Nachsicht ist für Hans-Uwe Schultze (64), der seit Jahrzehnten mit Bertram Hilgen befreundet ist, eine der prägendsten Eigenschaften des scheidenden Oberbürgermeisters. Als geduldig, mitfühlend, tolerant, verständnisvoll und zugleich auch einsichtig beschreibt er Hilgen, „dies kann ich aus den Jahrzehnten unserer Freundschaft uneingeschränkt hervorheben“. „Da Zuverlässigkeit für Bertram unabdingbar ist, werde nicht nur ich mit großer Freude auf seine Freundschaft setzen können. Sein beruflich minimierter Terminplan wird dabei sicherlich eine gute Hilfestellung leisten.

Weitere Stimmen lesen Sie in der gedruckten Ausgabe der HNA oder im ePaper: 

  • Hessens Ministerpräsident Volker Bouffier
  • Thomas Bockelmann (Intendant des Staatstheaters)
  • Hans Eichel (Amtsvorgänger und ehemaliger Bundesfinanzminister)
  • Rolf-Dieter Postleb (Ex-Uni-Präsiddent)
  • Dieter Hankel (Vorsitzender des Hessisch Waldeckischen Gebirgsvereins)
  • Christine Knüppel (Geschäftsführerin des Kulturzentrums Schlachthof)
  • Gerald Fischer (Einrichtungsleiter im AWO-Altenzentrum Käthe-Richter-Haus)

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